Körperwahn

Der innere Zerrspiegel

Neulich im Krankenhaus hörte ich ihn zum ersten Mal. Den Satz: „Sie müssen zunehmen.“ Mein medizinischer Sachverstand stimmt dem zu. Doch im Inneren war ich sicher, dass jemand anderes gemeint sein muss. Denn mein gefühltes Gewicht ist wesentlich höher.

Mein Leben lang hatte ich mich für meine füllige Figur geschämt. An diesem Grundgefühl änderte sich auch nichts, als ich durch die Krebsbehandlung einige Kilo verlor. Übergewicht liegt in meiner Familie. Seit der Grundschule zwang meine Mutter meiner Schwester und mir alle möglichen Diäten auf. Ich kann mich noch daran erinnern, wie verzweifelt hungrig ich als Kind gewesen war. Wenn mal wieder Grapefruit-Diät oder andere Formen der Mangelernährung auf dem Speiseplan standen, gab ich mein durch Nachhilfe verdientes Geld für Essen aus, das ich heimlich mit großen Schuldgefühlen aß. 

Am schlimmsten war die mütterliche „Erfolgskontrolle“ der Hungerkuren, das Wiegen. Wenn ich zugenommen hatte, was bei Kindern im Wachstum nunmal üblich ist, prügelte mich meine Mutter mit dem Gürtel auf den nackten Bauch. Als würden die Schläge das Fett schmelzen können. Als ich größer wurde, wurde ich zu schnell für ihre Misshandlungen. Doch die Scheu, mich nackt zu zeigen oder über mein Gewicht zu sprechen, blieb. Wenn mich ein Mann beim ersten Date nach dem Gewicht fragte, erklärte ich das Treffen zum letzten Date. Wenn sich ein Partner über meine Speckrollen lustig gemacht hatte und wenige Minuten später Sex wollte, warf ich ihn aus dem Raum. Und fühlte mich hässlich. Als Erwachsene wog ich mich oft jahrelang nicht. Wollte die vernichtende Zahl, die mir ohnehin den Tag versauen würde, garnicht erst nicht wissen. Umso schlimmer war es für mich, als ich während der Chemozeit jede Woche vor Zeugen auf die Waage steigen musste. Wenn die Krankenschwester die Zahl durch den Raum rief, spürte ich immer noch die Hiebe auf meinem Bauch. Obwohl ich durch die Giftinfusionen langsam aber stetig leichter wurde.

Dabei hatte sich mein Verstand längst vom Gewichtsterror distanziert. Direkt nachdem ich aus dem Elternhaus ausgezogen war, hatte ich Diäten endgültig aus meinem Leben verbannt. Ich aß regelmäßig und mich satt. Hungern und Kalorienzählen waren viel zu eng mit meinem Kindheitstrauma verknüpft. Mit meiner Nestflucht gehörten auch meine Bulimiephasen aus dem Teenageralter der Vergangenheit an. Dennoch befällt mich immer noch ein Unbehagen, wenn mir Freunde und Bekannten von ihren Abnehmerfolgen berichteten oder eben mal schnell ein paar Wochen fasteten und prahlten, wie gesund das sei. Innerlich verachtete ich mich, weil ich die Disziplin für Diäten nicht besaß und mich stattdessen für meine Pfunde bemitleidete.

Hochkalorische Lebensmittel gönne ich mir äußerst selten und bisher mit Gewissensbissen. Süßigkeiten und Kekse sind nur für die Schlanke, Dir steht so etwas Leckeres nicht zu, tadelt mich jedesmal eine innere Stimme, wenn ich doch zugegriffen hatte. Nun soll ich auf einmal zugreifen. „Es ist wichtig, dass Sie nach der Operation viel essen, wir fangen mit Astronautenkost an“, bekam ich zu hören, als die Narkosemittel noch in meinem Hirn herum waberten. Das war auch gut so, denn Krankenhausschonkost hat mit Nahrung wenig gemein und verhindert wirksam, dass sich Patienten von OPs erholen. Die Drinks, die mir die corona-gelangweilten Pflegekräften zahlreich und eifrig ans Bett brachten, schmeckten ähnlich wie flüssiges Eis. Verboten gut.

Liebevoll zum Essen aufgefordert zu werden, darum hatte ich früher die hübschen schlanken Kinder beneidet. Hatte hungrig auf deren Pausenbrote gestarrt, die ich nie haben durfte.„Bist eh zu fett, hör auf zu Essen und geh die Küche putzen“, war die elterliche Antwort auf meinen leeren Magen. In der Schule wurden meine dünnen Mitschüler bevorzugt. Wenn diese zarten Wesen mich „fette Brillenschlange“ wegen meines Aussehens zu mehreren verprügelt oder auf der Toilette eingesperrt hatten, blieben sie von Ärger verschont. Heute weiß ich: Mit diesem Schicksal war ich nicht allein. Gewichtsdiskriminierung ist über alle Alters- und sozialen Schichten weit verbreitet. Im Berufsleben wandeln sich die Prügeleien einfach in Mobbing um. Statt auf der Toilette eingesperrt zu werden, reden Chefs die Leistungen ihrer gewichtigeren Mitarbeiter häufig klein und bevorzugen bei Beförderungen die Schlanken.

Noch heute denke ich, wenn ich zum ersten Mal einen Raum mit fremden Menschen betrete, dass diese mich wegen meines Gewichts anstarren. Auch wenn mein Verstand weiß, dass Leute nunmal starren, besonders wenn jemand Fremdes zur Tür reinkommt. Bin ich überempfindlich bei dem Thema? Ja, sicher! Doch ich verlange auch dringend mehr Respekt und Rücksichtnahme jedem Menschen gegenüber, egal wieviel oder wenig er wiegt. Nicht jeder fühlt sich wohl in seiner Haut. Unsere genetische Ausstattung ist sehr unterschiedlich. Viele Menschen, die von Natur aus schlank sind und jeden Abend zwei Tafeln Schokolade verputzen können, ohne zuzunehmen, dürfen sich freuen. Aber es ist unfair, wenn diese auf Menschen herab zu sehen, die einen trägeren Stoffwechsel haben. Und ja, meine Kindheit ist schon lange her und ich hätte sie längst überwinden können. Dennoch wird Übergewicht von der Gesellschaft unnötiger- und fälschlicherweise mit „Schuld“ verknüpft. Nur Schlank gilt als attraktiv und als Zeichen beruflichen Erfolges. Und das macht das Überwinden schwer. Wenn wir als Gesellschaft dieses Paradigma lösen könnten, gäbe es signifikant weniger Essstörungen. 

Wir haben auch keine dickere Haut als andere, um über unreflektierten Lästereien zu stehen: Im Gegenteil. Und ja ich sage „wir“, denn im Inneren werde ich immer dick bleiben. Auch in meinem jetzigen Zustand. Meine „gewichtigen“ Gene werden mir helfen, schnell zuzunehmen. Ich brauche jetzt Kraft. Und endlich weiß ich das „Kräftigsein“ als Vorteil zu sehen. Denn ohne meine Polster hätten mich die zahlreichen Operationen und die Chemotherapie noch mehr geschwächt. Vielleicht entzerrt sich auch irgendwann mein innerer Spiegel. Vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall sind mein Körper und ich näher zusammen gerückt. Diesen Frieden wünsche ich allen, die noch mit ihrem Körper kämpfen. 

Rettet den Hedonismus

Angst vor Weihnachtspfunden? Vor einem Kater am Morgen danach? Oder einfach nur vor guter Laune? Wer sein Stimmungslevel schonmal auf die Phase der Neujahrsvorsätze absenken will, kann sich die Feiertage mit sogenanntem Dopamin-Fasten vermiesen. Diese Methode hat nichts mit der Dopamin-Diät zu tun, bei der durch eine proteinreiche Ernährung mehr von dem Glücksbotenstoff gebildet werden soll. Sondern bei dem neusten Trend aus den USA geht es genau ums Gegenteil. 

„Endlich spaßbefreit“, bringt es Medizinjournalistin Dr. Karen Zoufal auf den Punkt. Beim Dopamin-Fasten entsagen die Askese-Willigen allem, was glücklich macht und im Gehirn zur Ausschüttung von Dopamin, dem Glücksbotenstoff, führt. Also nicht nur gutem Essen, sondern auch Sex, Musik, Alkohol und sozialen Medien. Wer gerne Sport getrieben hat, muss das ebenfalls unterlassen. Fortgeschrittene verzichten zudem auf Augenkontakt und schränken menschliche Kontakte drastisch ein. Mit diesem ganzheitlichen Unglücklichsein klappt`s ganz sicher mit dem Familienkrach an Feiertagen. Wer sich aber konsequenterweise ins soziale und digitale Funkloch zurück zieht, behält seinen Frust zumindest für sich.

„Nach einem Dopamin-Fasten fühle ich mich emotional, körperlich und geistig auf Null gesetzt“, berichtet ein Profi-Verzichtler. Der Glücksentzug helfe ihm dabei, noch mehr und produktiver zu arbeiten. Propagiert wird die Methode unter anderem von Jungunternehmern, die Fasten, um ihre Leistungsfähigkeit zu „tunen“. Selbstverständlich darf deren Smartphone nicht länger als 24 Stunden ausgeschaltet sein, um Umsatzverluste zu vermeiden.

Bei älteren Damen wie mir tut es auch ein flotter Spaziergang oder ein netter Plausch mit einer guten Freundin, um die Akkus mal aufzuladen und auf andere Gedanken zu kommen. Aber das würde ja Spaß machen. 

Seit wann sind Freude und Geselligkeit eigentlich aus der Mode geraten? Freiwilliger Verzicht und Askese sind bei diversen Religionen schon immer beliebt gewesen und hervorragende Ablenkungen vor echten Problemen. Vielleicht müssen manche Menschen darben, um überhaupt noch etwas zu empfinden oder brauchen das Gefühl der Kontrolle. Jeder quäle sich eben, so gut er kann. Allerdings haben Wahl-Asketen häufig die unangenehme Eigenschaft, andere mit ihrem künstlich herbeigeführtem Leid zu missionieren und ihnen Schuldgefühle einzureden.

Gerne würde ich solche Säulenheilige mal für einen Tag in meine Tumorambulanz mitnehmen, wo es ums Überleben geht und Glück und Lebensfreude noch gefeiert werden. Vermutlich würden völlig unterzuckerten Domamin-Fastende eine derartige Konfrontation mit der Realität kaum eine halbe Stunde ertragen. Ganz zu schweigen von Besuchen ärmerer Länder oder Katastrophengebieten, wo Menschen verzichten MÜSSEN und es ihnen nicht im Traum einfallen würde, damit vor anderen anzugeben.

Ob Entsagungen tatsächlich zufriedener machen, ist fraglich. Es sei denn, man hungert so lange, dass die Ketonkörper, die beim Fasten freigesetzt werden, das Gehirn bis zur Euphorie vergiftet haben. Die Grenzen zwischen Wahl-Askese und Zwangsstörung sind oft fließend. Sich zu Kasteien kann genauso zur Sucht werden wie der übermäßige Konsum von Genussmitteln. Manchmal stecken sogar schwere Störungen hinter dem Drang nach Verzicht. So geht es bei Anorexie auch um wesentlich mehr als dem Hunger nach einer schlanken Figur.

Der Botenstoff Dopamin ist übrigens keine Erfindung von Willensschwachen, sondern für die Menschheit überlebenswichtig. Würden uns etwa Essen und Sex – Tätigkeiten, bei denen Dopamin ausgeschüttet wird – keinen Spaß machen, gäbe es uns nicht. Selbstverständlich gibt es auch die Schattenseite, etwa wenn biochemische oder psychische Störungen dazu führen, dass uns der Hunger nach Glück in eine Sucht treibt. Sollte diese zerstörerische Ausmaße annehmen, ist professionelle Hilfe angezeigt.

Beiden Extremen fehlt vermutlich der befreite Umgang mit sich selbst. Sich und anderen zu erlauben, glücklich zu sein. Eines der Dinge, die ich durch meine Krankheit gelernt habe, ist, sich das Leben nicht so kompliziert zu machen. Ein steiniger Weg, der noch lange nicht beendet ist. Ich wünsche allen Gesunden, zu einem entspannteren Selbstbild zu kommen, ohne diese schmerzhaften Erfahrungen machen zu müssen. Und Euch allen für die Feiertage viel Entspannung, Genuss und Freude. Lasst die anderen ruhig mal die anderen sein. Ich werde im Kreise meiner Lieben nach einem leckeren Essen und ein paar Star Wars Filmen eine Gedenkminute an die Asketen einlegen.

Die „Adibösen“: Gewichtsdiskriminierung im Zeichen des Klimaschutzes

Das Bedürfnis der Menschheit nach Sündenböcken ist groß. So groß, dass die internationale Fachzeitschrift „Obesity“ vor einigen Tagen einen Artikel veröffentlichte, der Gewichtsdiskriminierung auf fantasievolle Weise mit dem Klimawandel vermischt. Die Autoren behaupten darin, dass Übergewicht zu einer Bildung von 700 Megatonnen CO2 jährlich führt, was etwa 1,6 Prozent der weltweiten Emission von Treibhausgasen entsprechen soll.   

Diese und weitere Zahlen lesen sich auf den ersten Blick beeindruckend. Entpuppen sich bei näherem Hinsehen als reine Mutmaßungen – inspiriert durch handelsübliche Vorurteile, mit denen Übergewichtige schon heute erfolgreich diskriminiert werden. Die Autoren „begründen“ ihre Anschuldigungen im wesentlichen mit drei Behauptungen:

Übergewichtige

  1. stoßen aufgrund ihres Gewichts mehr CO2 aus als Normalgewichtige,
  2. verursachen wegen ihrer „Faulheit“ und ihrer Zusatzpfunde einen höheren Treibstoffverbrauch
  3. und verbrauchen mehr Nahrung, bei deren Herstellung noch mehr CO2 entsteht.

Bei soviel Science-Fantasy muss ich erstmal tief durchatmen, um die angemessene Menge CO2 auszustoßen. Dann schaltet sich zum Glück der gesunde Menschenverstand ein. Zwar sind exakte Gegenrechnungen unmöglich, da wir nicht die gesamte Weltbevölkerung mit Respirationskalorimetern ausstatten und die Gewichtsentwicklung jedes einzelnen Menschen aufzeichnen können. Aber das haben die Autoren auch nicht getan. Und ambitionierte Vermutungen anzustellen, das gelingt mir trotz Chemobrain immer noch 🙂

So ist es zwar laut 1. grundsätzlich richtig, dass der Grundumsatz des Menschen von seiner Körpermasse abhängt. Doch der oxidative Stoffwechsel, also die Verbrennung organischer Nährstoffe zu Kohlendioxid und Wasser findet fast ausschließlich in der fettfreien Körpermasse („lean body mass“, überwiegend in der Muskulatur) statt. Deshalb verbrennen Sportler sogar auf dem Sofa mehr Kalorien als weniger muskulöse Menschen, selbst wenn sie dasselbe wiegen. Zudem hängt der CO2-Gehalt in der Atemluft stark von der körperlichen Aktivität ab und zwar bis zu Faktor 12. Sollte man den vielgelobten Sport, den Mediziner insbesondere Übergewichtigen ans Herz legen, verbieten?

Denen ja gerade unter 2. nachgesagt wird, sie würden für kleinere Strecken eher das Auto benutzen, als Dünne. Was ich aus meiner persönlichen Erfahrung so gar nicht bestätigen kann. Bis mich eine tödliche Erkrankung ereilte, die mich inzwischen nahezu als schlank durchgehen lässt, habe ich mein Leben lang gegen mein Gewicht gekämpft. Jede Möglichkeit zur Bewegung genutzt, mir unzählige Leckereien versagt, bei Wind und Wetter mit den Rad zur Arbeit gefahren und mich nach Feierabend ins Fitnessstudio gequält. Die Schlanken dagegen stiegen elegant und gepflegt aus ihren Autos und bestellten beim Lunch Burger mit Fritten, während ich schuldbewusst und mit knurrendem Magen am Salat kaute. Und habe, dank meiner Schilddrüsenunterfunktion, schon immer gefroren, was mir erst jetzt im todkranken Zustand geglaubt wird. Den Grund für diese Ungerechtigkeit nennt man übrigens Genetik, die mindestens zu 50 Prozent unser Gewicht vorherbestimmt. So haben Menschen, die von Natur aus schlank sind, meist einen aktiveren Stoffwechsel als Normal- oder Übergewichtige, was zusätzlich gegen die Argumentation der Autoren zu 1. spricht. 

Aber zurück zur Autohypothese. Die Autoren bezichtigen Schwergewichtige nicht nur der Faulheit, natürlich ohne dafür konkrete Zahlen zu liefern, sondern auch eines erhöhten Benzinverbrauchs beim Autofahren durch ihr erhöhtes Körpergewicht. Mal Hand aufs Herz: Ein Auto wiegt je nach Größe und Bauart zwischen einer und zwei Tonnen. Wie stark fällt es wirklich ins Gewicht, ob der Fahrer ein paar Pfunde zu viel hat? Und ja die Menschen werden immer schwerer. Bei aller Schlankheitsmoralisierung wird gerne vergessen, dass wir immer größer werden, was sich ebenfalls auf der Waage niederschlägt. So ist in Deutschland die durchschnittliche Körpergröße in den vergangenen 100 Jahren um 15 Zentimeter länger geworden. Was der Bekleidungsindustrie mal gut täte, zu beachten anstatt immer noch von der „Normfrau“ von 168 Zentimetern Körpergröße auszugehen.

Bei der dritten Grundbehauptung geht es endlich mal ums Essen. Und zwar, so die Autoren, sind Übergewichtige daran schuld, dass mehr Lebensmittel produziert und verschwendet werden. Dabei gehe es besonders um hochkalorische Lebensmittel, deren Herstellung am meisten CO2 verursachten. Und Übergewichtige äßen davon besonders viel. Und damit nicht genug – die „Adibösen“ seien für die schädliche, hochkalorische Esskultur und Lebensmittelverschwendung auf der Welt verantwortlich. Übergewichtige – die Sith Lords des Gesundheitssystems? 

Auch diese Behauptungen werden in dem Artikel nicht wirklich bewiesen. Die Überproduktion von Lebensmitteln in manchen Teilen der Erde, während in anderen Gebieten Hungersnöte bestehen, ist eine alte und leider ungelöste Katastrophe. Doch keine, woran Schwergewichtige Schuld haben. Ebenfalls nicht am Erfolg der Fast-Food-Industrie. Denn das Bedürfnis des Menschen nach energiereicher Nahrung ist evolutionär bedingt, weshalb es dafür noch sehr sehr lange einen Markt geben wird. Denn die Steinzeitfrau, die so lange über den glykämischen Index der gepflückten Beere sinniert, bis sie der Säbelzahntiger gefressen hat, hatte sich in der Entwicklungsgeschichte anscheinend nicht durchgesetzt. 

Dass sich gewichtigere Personen überwiegend von Fast-Food ernähren, ist allerdings ein unbewiesenes Vorurteil. Denn viele von uns versuchen lebenslang mit kalorienarmer, gesunder Nahrung gegen unsere Gene zu steuern, während genauso viele von Natur aus Dünne, gerne und reichlich Pizza, Schokolade und Burger genießen – eben weil sie es können. Das sei den genetisch Begnadeten durchaus gegönnt, solange sie nicht auf diejenigen mit dem unvorteilhafteren Erbgut herabsehen. 

A apropos unvorteilhaft – wo kommt die Gewichtsdiskriminierung eigentlich her? Wer bestimmt, dass mager schön und wohlgenährt hässlich ist? Was Millionen Menschen in verschiedenste Essstörungen treibt? Da es bei vielen Fragen des Lebens nunmal ums Geld geht, kommt mir spontan die Diät- und Fitnessindustrie in den Sinn. Ohne Schlankheitswahn und dem Mobbing molliger Menschen würden diese Branchen untergehen. Doch keine Sorge liebe Alptraumaseds, Schlimmfasts & Co: Da sich die Verzweifelten ihren Stoffwechsel mit jedem Eurer Shakes ein Stückchen mehr ruinieren und gleichzeitig den gesunden Bezug zur Nahrungsaufnahme weiter verlieren, sind Diätprodukte ein Super-Selbstläufer für jedes Portfolio. Dass die Herstellung der gruselig schmeckenden Drinks und Suppen allerdings gut fürs Klima sei, können vermutlich nichtmal diese kreativen Review-Autoren zusammenfantasieren.   

Sieht man vom schnöden Mammon ab, sind es auch die Ärzte mit erhobenem Zeigefinger, die seelischen Druck auf die Beleibten ausüben. Viele von Ihnen werden diesen Artikel leider nutzen, um es sich bei der Diagnostik noch einfacher als bisher zu machen. Daran ändert auch der kleinlaute Hinweis am Ende des Artikels, die Daten sollten nicht zur Stigmatisierung Übergewichtiger herangezogen werden, vermutlich nichts. So werden schon heute viele Symptome, über die ein Übergewichtiger klagt, ohne weitere Diagnosenstellung pauschal auf sein Gewicht geschoben. Geht schnell und lässt sich trotzdem prima abrechnen. Und egal wie es für den Patienten ausgeht, fühlen sich die Schlankheitsdocs im Recht. Verbessern sich die Beschwerden oder meidet der Patient die Arztpraxis, weil er sich dort unverstanden fühlt, denkt sich der Diätdoktor: „Ja klar, der hatte ja eh nix Ernstes, er musste nur mal ne Tafel Schokolade weniger essen, schon ist alles wieder gut.“ Geht es dem Patienten schlechter oder wird er mangels Diagnose und Behandlung gar zum Notfall, fühlt sich Dr. Schlank ebenfalls bestätigt: „Selber schuld, hätte er mal früher seinen Lebensstil geändert, da konnte ich beim besten Willen auch nichts mehr ausrichten.“

Das Attribut „schuld“ ist bei der Betrachtung von Figur und Gewicht übrigens so falsch, dass es eigentlich eine Neudefinition des Wortes „falsch“ erfordert. Denn zum einen lässt sich das Körpergewicht aus eigener Kraft nur in kleinem Rahmen beeinflussen und zum anderen triggert die Stigmatisierung Essstörungen und lässt ein gesundes Gewicht noch weiter in die Ferne rücken. Wobei auch der Begriff „gesund“, insbesondere im Zusammenhang mit „schuld“, eine nähere Betrachtung verdient. So schweigen Mediziner nämlich gerne über die Studien, die zeigen, dass ein paar Pfund überm Norm-BMI mit einer höheren Lebenserwartung verbunden sind. Der Grund liegt auf der Hand. Mit ein paar Pfund mehr auf den Rippen hat der Mensch schweren Krankheiten mehr entgegen zu setzen. Was ich übrigens bestätigen kann, denn mittlerweile bin ich froh, ein „Speckie“ zu sein. Wäre ich zu Beginn meiner Krebsbehandlung nämlich schon so dünn gewesen, wie mich diverse Exfreunde haben wollten, wäre ich vielleicht schon nicht mehr am Leben. Was mich wiederum hinterfragen lässt, wie normal und ideal sind diese BMI-Grenzen eigentlich? Denenzufolge mehr als jede zweite Frau und mehr als zwei Drittel aller Männer hierzulande als übergewichtig gelten? 

Die „Adibösen“: Gewichtsdiskriminierung im Zeichen des Klimaschutzes

Das Bedürfnis der Menschheit nach Sündenböcken ist groß. So groß, dass die internationale Fachzeitschrift „Obesity“ vor einigen Tagen einen Artikel veröffentlichte, der Gewichtsdiskriminierung auf fantasievolle Weise mit dem Klimawandel vermischt. Die Autoren behaupten darin, dass Übergewicht zu einer Bildung von 700 Megatonnen CO2 jährlich führt, was etwa 1,6 Prozent der weltweiten Emission von Treibhausgasen entsprechen soll.   

Diese und weitere Zahlen lesen sich auf den ersten Blick beeindruckend. Entpuppen sich bei näherem Hinsehen als reine Mutmaßungen – inspiriert durch handelsübliche Vorurteile, mit denen Übergewichtige schon heute erfolgreich diskriminiert werden. Die Autoren „begründen“ ihre Anschuldigungen im wesentlichen mit drei Behauptungen:

Übergewichtige

  1. stoßen aufgrund ihres Gewichts mehr CO2 aus als Normalgewichtige,
  2. verursachen wegen ihrer „Faulheit“ und ihrer Zusatzpfunde einen höheren Treibstoffverbrauch
  3. und verbrauchen mehr Nahrung, bei deren Herstellung noch mehr CO2 entsteht.

Bei soviel Science-Fantasy muss ich erstmal tief durchatmen, um die angemessene Menge CO2 auszustoßen. Dann schaltet sich zum Glück der gesunde Menschenverstand ein. Zwar sind exakte Gegenrechnungen unmöglich, da wir nicht die gesamte Weltbevölkerung mit Respirationskalorimetern ausstatten und die Gewichtsentwicklung jedes einzelnen Menschen aufzeichnen können. Aber das haben die Autoren auch nicht getan. Und ambitionierte Vermutungen anzustellen, das gelingt mir trotz Chemobrain immer noch 🙂

So ist es zwar laut 1. grundsätzlich richtig, dass der Grundumsatz des Menschen von seiner Körpermasse abhängt. Doch der oxidative Stoffwechsel, also die Verbrennung organischer Nährstoffe zu Kohlendioxid und Wasser findet fast ausschließlich in der fettfreien Körpermasse („lean body mass“, überwiegend in der Muskulatur) statt. Deshalb verbrennen Sportler sogar auf dem Sofa mehr Kalorien als weniger muskulöse Menschen, selbst wenn sie dasselbe wiegen. Zudem hängt der CO2-Gehalt in der Atemluft stark von der körperlichen Aktivität ab und zwar bis zu Faktor 12. Sollte man den vielgelobten Sport, den Mediziner insbesondere Übergewichtigen ans Herz legen, verbieten?

Denen ja gerade unter 2. nachgesagt wird, sie würden für kleinere Strecken eher das Auto benutzen, als Dünne. Was ich aus meiner persönlichen Erfahrung so gar nicht bestätigen kann. Bis mich eine tödliche Erkrankung ereilte, die mich inzwischen nahezu als schlank durchgehen lässt, habe ich mein Leben lang gegen mein Gewicht gekämpft. Jede Möglichkeit zur Bewegung genutzt, mir unzählige Leckereien versagt, bei Wind und Wetter mit den Rad zur Arbeit gefahren und mich nach Feierabend ins Fitnessstudio gequält. Die Schlanken dagegen stiegen elegant und gepflegt aus ihren Autos und bestellten beim Lunch Burger mit Fritten, während ich schuldbewusst und mit knurrendem Magen am Salat kaute. Und habe, dank meiner Schilddrüsenunterfunktion, schon immer gefroren, was mir erst jetzt im todkranken Zustand geglaubt wird. Den Grund für diese Ungerechtigkeit nennt man übrigens Genetik, die mindestens zu 50 Prozent unser Gewicht vorherbestimmt. So haben Menschen, die von Natur aus schlank sind, meist einen aktiveren Stoffwechsel als Normal- oder Übergewichtige, was zusätzlich gegen die Argumentation der Autoren zu 1. spricht. 

Aber zurück zur Autohypothese. Die Autoren bezichtigen Schwergewichtige nicht nur der Faulheit, natürlich ohne dafür konkrete Zahlen zu liefern, sondern auch eines erhöhten Benzinverbrauchs beim Autofahren durch ihr erhöhtes Körpergewicht. Mal Hand aufs Herz: Ein Auto wiegt je nach Größe und Bauart zwischen einer und zwei Tonnen. Wie stark fällt es wirklich ins Gewicht, ob der Fahrer ein paar Pfunde zu viel hat? Und ja die Menschen werden immer schwerer. Bei aller Schlankheitsmoralisierung wird gerne vergessen, dass wir immer größer werden, was sich ebenfalls auf der Waage niederschlägt. So ist in Deutschland die durchschnittliche Körpergröße in den vergangenen 100 Jahren um 15 Zentimeter länger geworden. Was der Bekleidungsindustrie mal gut täte, zu beachten anstatt immer noch von der „Normfrau“ von 168 Zentimetern Körpergröße auszugehen.

Bei der dritten Grundbehauptung geht es endlich mal ums Essen. Und zwar, so die Autoren, sind Übergewichtige daran schuld, dass mehr Lebensmittel produziert und verschwendet werden. Dabei gehe es besonders um hochkalorische Lebensmittel, deren Herstellung am meisten CO2 verursachten. Und Übergewichtige äßen davon besonders viel. Und damit nicht genug – die „Adibösen“ seien für die schädliche, hochkalorische Esskultur und Lebensmittelverschwendung auf der Welt verantwortlich. Übergewichtige – die Sith Lords des Gesundheitssystems? 

Auch diese Behauptungen werden in dem Artikel nicht wirklich bewiesen. Die Überproduktion von Lebensmitteln in manchen Teilen der Erde, während in anderen Gebieten Hungersnöte bestehen, ist eine alte und leider ungelöste Katastrophe. Doch keine, woran Schwergewichtige Schuld haben. Ebenfalls nicht am Erfolg der Fast-Food-Industrie. Denn das Bedürfnis des Menschen nach energiereicher Nahrung ist evolutionär bedingt, weshalb es dafür noch sehr sehr lange einen Markt geben wird. Denn die Steinzeitfrau, die so lange über den glykämischen Index der gepflückten Beere sinniert, bis sie der Säbelzahntiger gefressen hat, hatte sich in der Entwicklungsgeschichte anscheinend nicht durchgesetzt. 

Dass sich gewichtigere Personen überwiegend von Fast-Food ernähren, ist allerdings ein unbewiesenes Vorurteil. Denn viele von uns versuchen lebenslang mit kalorienarmer, gesunder Nahrung gegen unsere Gene zu steuern, während genauso viele von Natur aus Dünne, gerne und reichlich Pizza, Schokolade und Burger genießen – eben weil sie es können. Das sei den genetisch Begnadeten durchaus gegönnt, solange sie nicht auf diejenigen mit dem unvorteilhafteren Erbgut herabsehen. 

A apropos unvorteilhaft – wo kommt die Gewichtsdiskriminierung eigentlich her? Wer bestimmt, dass mager schön und wohlgenährt hässlich ist? Was Millionen Menschen in verschiedenste Essstörungen treibt? Da es bei vielen Fragen des Lebens nunmal ums Geld geht, kommt mir spontan die Diät- und Fitnessindustrie in den Sinn. Ohne Schlankheitswahn und dem Mobbing molliger Menschen würden diese Branchen untergehen. Doch keine Sorge liebe Alptraumaseds, Schlimmfasts & Co: Da sich die Verzweifelten ihren Stoffwechsel mit jedem Eurer Shakes ein Stückchen mehr ruinieren und gleichzeitig den gesunden Bezug zur Nahrungsaufnahme weiter verlieren, sind Diätprodukte ein Super-Selbstläufer für jedes Portfolio. Dass die Herstellung der gruselig schmeckenden Drinks und Suppen allerdings gut fürs Klima sei, können vermutlich nichtmal diese kreativen Review-Autoren zusammenfantasieren.   

Sieht man vom schnöden Mammon ab, sind es auch die Ärzte mit erhobenem Zeigefinger, die seelischen Druck auf die Beleibten ausüben. Viele von Ihnen werden diesen Artikel leider nutzen, um es sich bei der Diagnostik noch einfacher als bisher zu machen. Daran ändert auch der kleinlaute Hinweis am Ende des Artikels, die Daten sollten nicht zur Stigmatisierung Übergewichtiger herangezogen werden, vermutlich nichts. So werden schon heute viele Symptome, über die ein Übergewichtiger klagt, ohne weitere Diagnosenstellung pauschal auf sein Gewicht geschoben. Geht schnell und lässt sich trotzdem prima abrechnen. Und egal wie es für den Patienten ausgeht, fühlen sich die Schlankheitsdocs im Recht. Verbessern sich die Beschwerden oder meidet der Patient die Arztpraxis, weil er sich dort unverstanden fühlt, denkt sich der Diätdoktor: „Ja klar, der hatte ja eh nix Ernstes, er musste nur mal ne Tafel Schokolade weniger essen, schon ist alles wieder gut.“ Geht es dem Patienten schlechter oder wird er mangels Diagnose und Behandlung gar zum Notfall, fühlt sich Dr. Schlank ebenfalls bestätigt: „Selber schuld, hätte er mal früher seinen Lebensstil geändert, da konnte ich beim besten Willen auch nichts mehr ausrichten.“

Das Attribut „schuld“ ist bei der Betrachtung von Figur und Gewicht übrigens so falsch, dass es eigentlich eine Neudefinition des Wortes „falsch“ erfordert. Denn zum einen lässt sich das Körpergewicht aus eigener Kraft nur in kleinem Rahmen beeinflussen und zum anderen triggert die Stigmatisierung Essstörungen und lässt ein gesundes Gewicht noch weiter in die Ferne rücken. Wobei auch der Begriff „gesund“, insbesondere im Zusammenhang mit „schuld“, eine nähere Betrachtung verdient. So schweigen Mediziner nämlich gerne über die Studien, die zeigen, dass ein paar Pfund überm Norm-BMI mit einer höheren Lebenserwartung verbunden sind. Der Grund liegt auf der Hand. Mit ein paar Pfund mehr auf den Rippen hat der Mensch schweren Krankheiten mehr entgegen zu setzen. Was ich übrigens bestätigen kann, denn mittlerweile bin ich froh, ein „Speckie“ zu sein. Wäre ich zu Beginn meiner Krebsbehandlung nämlich schon so dünn gewesen, wie mich diverse Exfreunde haben wollten, wäre ich vielleicht schon nicht mehr am Leben. Was mich wiederum hinterfragen lässt, wie normal und ideal sind diese BMI-Grenzen eigentlich? Denenzufolge mehr als jede zweite Frau und mehr als zwei Drittel aller Männer hierzulande als übergewichtig gelten? 

Die „Adibösen“: Gewichtsdiskriminierung im Zeichen des Klimaschutzes

Das Bedürfnis der Menschheit nach Sündenböcken ist groß. So groß, dass die internationale Fachzeitschrift „Obesity“ vor einigen Tagen einen Artikel veröffentlichte, der Gewichtsdiskriminierung auf fantasievolle Weise mit dem Klimawandel vermischt. Die Autoren behaupten darin, dass Übergewicht zu einer Bildung von 700 Megatonnen CO2 jährlich führt, was etwa 1,6 Prozent der weltweiten Emission von Treibhausgasen entsprechen soll.   

Diese und weitere Zahlen lesen sich auf den ersten Blick beeindruckend. Entpuppen sich bei näherem Hinsehen als reine Mutmaßungen – inspiriert durch handelsübliche Vorurteile, mit denen Übergewichtige schon heute erfolgreich diskriminiert werden. Die Autoren „begründen“ ihre Anschuldigungen im wesentlichen mit drei Behauptungen:

Übergewichtige

  1. stoßen aufgrund ihres Gewichts mehr CO2 aus als Normalgewichtige,
  2. verursachen wegen ihrer „Faulheit“ und ihrer Zusatzpfunde einen höheren Treibstoffverbrauch
  3. und verbrauchen mehr Nahrung, bei deren Herstellung noch mehr CO2 entsteht.

Bei soviel Science-Fantasy muss ich erstmal tief durchatmen, um die angemessene Menge CO2 auszustoßen. Dann schaltet sich zum Glück der gesunde Menschenverstand ein. Zwar sind exakte Gegenrechnungen unmöglich, da wir nicht die gesamte Weltbevölkerung mit Respirationskalorimetern ausstatten und die Gewichtsentwicklung jedes einzelnen Menschen aufzeichnen können. Aber das haben die Autoren auch nicht getan. Und ambitionierte Vermutungen anzustellen, das gelingt mir trotz Chemobrain immer noch 

So ist es zwar laut 1. grundsätzlich richtig, dass der Grundumsatz des Menschen von seiner Körpermasse abhängt. Doch der oxidative Stoffwechsel, also die Verbrennung organischer Nährstoffe zu Kohlendioxid und Wasser findet fast ausschließlich in der fettfreien Körpermasse („lean body mass“, überwiegend in der Muskulatur) statt. Deshalb verbrennen Sportler sogar auf dem Sofa mehr Kalorien als weniger muskulöse Menschen, selbst wenn sie dasselbe wiegen. Zudem hängt der CO2-Gehalt in der Atemluft stark von der körperlichen Aktivität ab und zwar bis zu Faktor 12. Sollte man den vielgelobten Sport, den Mediziner insbesondere Übergewichtigen ans Herz legen, verbieten?

Denen ja gerade unter 2. nachgesagt wird, sie würden für kleinere Strecken eher das Auto benutzen, als Dünne. Was ich aus meiner persönlichen Erfahrung so gar nicht bestätigen kann. Bis mich eine tödliche Erkrankung ereilte, die mich inzwischen nahezu als schlank durchgehen lässt, habe ich mein Leben lang gegen mein Gewicht gekämpft. Jede Möglichkeit zur Bewegung genutzt, mir unzählige Leckereien versagt, bei Wind und Wetter mit den Rad zur Arbeit gefahren und mich nach Feierabend ins Fitnessstudio gequält. Die Schlanken dagegen stiegen elegant und gepflegt aus ihren Autos und bestellten beim Lunch Burger mit Fritten, während ich schuldbewusst und mit knurrendem Magen am Salat kaute. Und habe, dank meiner Schilddrüsenunterfunktion, schon immer gefroren, was mir erst jetzt im todkranken Zustand geglaubt wird. Den Grund für diese Ungerechtigkeit nennt man übrigens Genetik, die mindestens zu 50 Prozent unser Gewicht vorherbestimmt. So haben Menschen, die von Natur aus schlank sind, meist einen aktiveren Stoffwechsel als Normal- oder Übergewichtige, was zusätzlich gegen die Argumentation der Autoren zu 1. spricht. 

Aber zurück zur Autohypothese. Die Autoren bezichtigen Schwergewichtige nicht nur der Faulheit, natürlich ohne dafür konkrete Zahlen zu liefern, sondern auch eines erhöhten Benzinverbrauchs beim Autofahren durch ihr erhöhtes Körpergewicht. Mal Hand aufs Herz: Ein Auto wiegt je nach Größe und Bauart zwischen einer und zwei Tonnen. Wie stark fällt es wirklich ins Gewicht, ob der Fahrer ein paar Pfunde zu viel hat? Und ja die Menschen werden immer schwerer. Bei aller Schlankheitsmoralisierung wird gerne vergessen, dass wir immer größer werden, was sich ebenfalls auf der Waage niederschlägt. So ist in Deutschland die durchschnittliche Körpergröße in den vergangenen 100 Jahren um 15 Zentimeter länger geworden. Was der Bekleidungsindustrie mal gut täte, zu beachten anstatt immer noch von der „Normfrau“ von 168 Zentimetern Körpergröße auszugehen.

Bei der dritten Grundbehauptung geht es endlich mal ums Essen. Und zwar, so die Autoren, sind Übergewichtige daran schuld, dass mehr Lebensmittel produziert und verschwendet werden. Dabei gehe es besonders um hochkalorische Lebensmittel, deren Herstellung am meisten CO2 verursachten. Und Übergewichtige äßen davon besonders viel. Und damit nicht genug – die „Adibösen“ seien für die schädliche, hochkalorische Esskultur und Lebensmittelverschwendung auf der Welt verantwortlich. Übergewichtige – die Sith Lords des Gesundheitssystems? 

Auch diese Behauptungen werden in dem Artikel nicht wirklich bewiesen. Die Überproduktion von Lebensmitteln in manchen Teilen der Erde, während in anderen Gebieten Hungersnöte bestehen, ist eine alte und leider ungelöste Katastrophe. Doch keine, woran Schwergewichtige Schuld haben. Ebenfalls nicht am Erfolg der Fast-Food-Industrie. Denn das Bedürfnis des Menschen nach energiereicher Nahrung ist evolutionär bedingt, weshalb es dafür noch sehr sehr lange einen Markt geben wird. Denn die Steinzeitfrau, die so lange über den glykämischen Index der gepflückten Beere sinniert, bis sie der Säbelzahntiger gefressen hat, hatte sich in der Entwicklungsgeschichte anscheinend nicht durchgesetzt. 

Dass sich gewichtigere Personen überwiegend von Fast-Food ernähren, ist allerdings ein unbewiesenes Vorurteil. Denn viele von uns versuchen lebenslang mit kalorienarmer, gesunder Nahrung gegen unsere Gene zu steuern, während genauso viele von Natur aus Dünne, gerne und reichlich Pizza, Schokolade und Burger genießen – eben weil sie es können. Das sei den genetisch Begnadeten durchaus gegönnt, solange sie nicht auf diejenigen mit dem unvorteilhafteren Erbgut herabsehen. 

A apropos unvorteilhaft – wo kommt die Gewichtsdiskriminierung eigentlich her? Wer bestimmt, dass mager schön und wohlgenährt hässlich ist? Was Millionen Menschen in verschiedenste Essstörungen treibt? Da es bei vielen Fragen des Lebens nunmal ums Geld geht, kommt mir spontan die Diät- und Fitnessindustrie in den Sinn. Ohne Schlankheitswahn und dem Mobbing molliger Menschen würden diese Branchen untergehen. Doch keine Sorge liebe Alptraumaseds, Schlimmfasts & Co: Da sich die Verzweifelten ihren Stoffwechsel mit jedem Eurer Shakes ein Stückchen mehr ruinieren und gleichzeitig den gesunden Bezug zur Nahrungsaufnahme weiter verlieren, sind Diätprodukte ein Super-Selbstläufer für jedes Portfolio. Dass die Herstellung der gruselig schmeckenden Drinks und Suppen allerdings gut fürs Klima sei, können vermutlich nichtmal diese kreativen Review-Autoren zusammenfantasieren.   

Sieht man vom schnöden Mammon ab, sind es auch die Ärzte mit erhobenem Zeigefinger, die seelischen Druck auf die Beleibten ausüben. Viele von Ihnen werden diesen Artikel leider nutzen, um es sich bei der Diagnostik noch einfacher als bisher zu machen. Daran ändert auch der kleinlaute Hinweis am Ende des Artikels, die Daten sollten nicht zur Stigmatisierung Übergewichtiger herangezogen werden, vermutlich nichts. So werden schon heute viele Symptome, über die ein Übergewichtiger klagt, ohne weitere Diagnosenstellung pauschal auf sein Gewicht geschoben. Geht schnell und lässt sich trotzdem prima abrechnen. Und egal wie es für den Patienten ausgeht, fühlen sich die Schlankheitsdocs im Recht. Verbessern sich die Beschwerden oder meidet der Patient die Arztpraxis, weil er sich dort unverstanden fühlt, denkt sich der Diätdoktor: „Ja klar, der hatte ja eh nix Ernstes, er musste nur mal ne Tafel Schokolade weniger essen, schon ist alles wieder gut.“ Geht es dem Patienten schlechter oder wird er mangels Diagnose und Behandlung gar zum Notfall, fühlt sich Dr. Schlank ebenfalls bestätigt: „Selber schuld, hätte er mal früher seinen Lebensstil geändert, da konnte ich beim besten Willen auch nichts mehr ausrichten.“

Das Attribut „schuld“ ist bei der Betrachtung von Figur und Gewicht übrigens so falsch, dass es eigentlich eine Neudefinition des Wortes „falsch“ erfordert. Denn zum einen lässt sich das Körpergewicht aus eigener Kraft nur in kleinem Rahmen beeinflussen und zum anderen triggert die Stigmatisierung Essstörungen und lässt ein gesundes Gewicht noch weiter in die Ferne rücken. Wobei auch der Begriff „gesund“, insbesondere im Zusammenhang mit „schuld“, eine nähere Betrachtung verdient. So schweigen Mediziner nämlich gerne über die Studien, die zeigen, dass ein paar Pfund überm Norm-BMI mit einer höheren Lebenserwartung verbunden sind. Der Grund liegt auf der Hand. Mit ein paar Pfund mehr auf den Rippen hat der Mensch schweren Krankheiten mehr entgegen zu setzen. Was ich übrigens bestätigen kann, denn mittlerweile bin ich froh, ein „Speckie“ zu sein. Wäre ich zu Beginn meiner Krebsbehandlung nämlich schon so dünn gewesen, wie mich diverse Exfreunde haben wollten, wäre ich vielleicht schon nicht mehr am Leben. Was mich wiederum hinterfragen lässt, wie normal und ideal sind diese BMI-Grenzen eigentlich? Denenzufolge mehr als jede zweite Frau und mehr als zwei Drittel aller Männer hierzulande als übergewichtig gelten? 

Fest steht: Schuldgefühle beim Essen sind ungesund. Ernährung sollte weder Religionsersatz, noch ein Statussymbol oder eine Schande sein, sondern uns einfach satt machen und gut schmecken. Wenn wir dann noch auf unseren Körper hören, ihm eine Vielfalt an Lebensmitteln bieten, ihm die Bewegung und Entspannung gönnen, ohne sich dabei mit einem unrealistischen Schlankheitsideal zu geißeln, haben wir schon viel für unsere Gesundheit getan. Davon werden wir zwar nicht automatisch so hager, wie uns manche haben wollen. Manche werden vielleicht sogar etwas zunehmen. Denn das individuelle Idealgewicht, auf das der Körper von alleine immer wieder zusteuert, wenn er nicht durch Hungerkuren irritiert wurde, liegt bei den meisten Menschen etwas höher, als die Diät- und Modebranche vorgibt. Essstörungen sowie extremes Über- und Untergewicht wären jedoch seltener. Wenn das noch die Hungerdocs begreifen und auch ihren molligeren Patienten mehr zuhören würden, wäre die Welt ein großes Stück gesünder.