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Bemerkenswert

Wer hat Angst vor dem Chemowolf?

Halloween lasse ich dieses Jahr ganz entspannt auf mich zukommen. Denn ich mache eine Chemotherapie und halte mich derzeit in einer ländlichen Gegend auf. Wenn ich mal wie ein verhasster C-Promi angestarrt werden möchte, brauche ich lediglich mit Beanie statt Perücke durch den Ort zu tigern. Da ich bis vor kurzem in einer anonymen und wuseligen Großstadt gewohnt habe, war mir ein derartiger Mangel an Toleranz fremd. So hatte ich mir neulich auch nichts dabei gedacht, mit unverhülltem Kahlkopf und OP-Narbe ins Schwimmbad zu gehen. Stolz, es trotz meines nervenden Fatigues ins Hallenbad geschafft zu haben, wackelte ich fröhlich in die Dusche. Dort traf ich auf zwei Mütter, die gerade noch energisch ihre Kinder abgeseift hatten, doch bei meinem Anblick anfingen zu kreischen, ihre protestierenden Sprösslinge um ihr Badeerlebnis brachten und nach Hause schleiften. Mein Trostpreis war es, in einem fast leerem Pool zu schwimmen.

Am nächsten Tag hatte ich mir eine Badekappe sowie einen Einteiler gekauft und mich gleich wieder darüber geärgert. So lernen es die Kids ja nie mit der Toleranz. Bei den beiden Müttern schien es ja schon zu spät zu sein. Wie neulich bei einem anderen Vorzeigeexemplar von Erziehungsberechtigten, deren Tochter neben mir im Bus saß und demonstrativ Würgelaute von sich gab, weil meine Perücke versehentlich verrutschte. Als ich das Mädchen freundlich fragte, was denn los sei, fing die Kleine lautstark an zu plärren und wurde von der Helikoptermutter getröstet, die sämtliche Mitreisende gegen mich aufhetzte. Gut, dass Fackeln und Mistgabeln heute in Bussen nicht mehr zugelassen sind.

Also ist Toleranz nur grau-grausame Theorie? Für einige, besonders engstirnige Menschen bestimmt. Doch bei vielen steckt auch eine uralte Angst vor Leuten dahinter, die irgendwie anders sind als sie selbst. Diesen archaischen Gruppenzwang, den Wissenschaftler auch Xenophobie nennen, kultivierten schon unsere Steinzeitvorfahren. Und auch heute beginnt es mit dem sozialen Ausgrenzen schon früh. In der Schule oder im Kindergarten werden Kinder gemobbt, die sich durch ihr Erscheinungsbild von der dominierenden Clique unterscheiden. Das geht im Erwachsenenalter auf mehr oder weniger subtile Art weiter mit Migranten, Kranken, Übergewichtigen, Menschen, deren Meinung vom Mainstream abweicht oder Leuten, die nicht in unsere Leistungsgesellschaft passen oder passen wollen. Bei Krebs kommt noch ein anderer Aspekt dazu: Diese grausame Erkrankung kann jeden treffen, jung oder alt, arm oder reich, Fitness-Junkie oder Couch-Potatoe. Und der Anblick eines Chemopatienten stört dabei, diese Tatsache zu verdrängen. 

Liebe Nicht-Betroffene: Ich wünschte, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hätte mit seiner medizinischen Hybris ausnahmsweise mal recht und Krebs wäre tatsächlich in 10 bis 20 Jahren ausgerottet. Oder gesunde Ernährung und Sport könnten mit Sicherheit vor Tumoren schützen. 

Mobben und Ausgrenzen schützt allerdings niemandem. Deshalb nochmal für alle: Krebs ist nicht ansteckend! Wir Betroffenen gehören zu der Gesellschaft dazu und haben Gefühle, Ziele, Sehnsüchte, Familie, Interessen, Freunde. Findet es doch heraus. Ich verstehe absolut, wenn ihr reflexartig zweimal hinschaut. Aber sagt doch gerne mal Hallo. Oder versucht es erstmal mit einem Lächeln. Vielleicht hilft das ja, Ängste abzubauen. Zu erfahren, dass wir ganz nette Menschen sind und eine Krebsdiagnose, so erschütternd sie auch ist, kein Kopfschuss bedeutet.

Und uns Onko-Heldinnen und -helden, die nicht nur mit dieser lebensbedrohlichen Erkrankung, sondern auch noch mit den taktlosen Reaktionen der Angsthasen umgehen müssen, wünsche ich noch mehr Mut und Stolz. Unser Körper und unsere Seele leisten  tagtäglich Schwerarbeit. Wir sind stark und schön und dürfen uns nicht verstecken! Neulich hat mir mein temporärer Halloween-Look sogar den Tag gerettet: Der Taxifahrer, der mich frühmorgens zur Chemo fuhr, hatte mich mit seinen rassistischen Tiraden unfassbar genervt. Als ich es nicht mehr aushielt, hatte ich mir einfach Perücke vom Kopf gezogen und sein angewidertes Schweigen genossen. Gruseliges Halloween und bis bald,

Eure Onkomieze

Das Han Solo Gefühl

Neulich war ich seit mehr als einem Jahr wieder beim Friseur. Ein erster Versuch, das wuchernde Post-Chemo-Gestrüpp in Form zu bringen. Die Friseurin machte große Augen, als ich ihr den Grund für meinen frisurlosen Zustand erklärte. Krebs scheint ja vielerorts noch immer hinter verschlossenen Türen stattzufinden. „Ist jetzt alles wieder gut?“, fragte sie ängstlich hinter ihrer fröhlich-bunten Maske. Ohne nachzudenken, bejahte ich die Frage. Zu Recht? 

Mein medizinisches Halbwissen widerspricht deutlich. Eierstockkrebs kommt nunmal bei 70 bis 80 Prozent aller Fälle zurück und wenn das passiert ist, gilt frau als unheilbar. Mein Gendefekt verschlechtert meine Chancen zusätzlich. Murphy-Jackpot. Trotzdem habe ich an guten Tagen das starke Gefühl, den Krebs erstmal hinter mir gelassen zu haben. Auch wenn ich jeden Tag die Folgeschäden der radikalen Behandlungen spüren kann. Und faktisch immer noch eine Krebspatientin bin, in der versprengte Tumorzellen wie Schläfer einer Terrororganisation darauf lauern, mit einem Rezidiv zuzuschlagen. 

Dennoch ist sie aus tiefsten Innerem da, diese Pseudo-Gewissheit. Ohne dass ich sie mir rational erklären kann. Die sich anfühlt wie eines meiner Lieblingszitate des Star Wars Charakters Han Solo: „Sag mir nie, wie meine Chancen stehen!“. Genau meine Einstellung zu Statistiken – zumindest an guten Tagen. Dieses Han Solo Gefühl hat mir oft geholfen, bei unklaren Befunden nicht durchzudrehen. Mich dazu ermutigt, bis zur Abklärung von einer harmlosen Erklärung für verdächtige CTs oder krumme Blutwerte auszugehen. Bisher hatte ich mit diesen Arbeitshypothesen jedes Mal Recht behalten. Düstere Prognose hin oder her. 

Darf ich also hoffen? Sogar auf Heilung? Oder wird mich meine Augenwischerei eines Tages bitter einholen? Vermutlich. Denn ich bin auch Realist. Dafür sorgt mein Sith Lord „Darth Rezidivangst“. Zum ersten Mal hatte er mich nach meiner zweiten OP auf der Intensivstation besucht, umgeben von quälenden Schreien meiner Mitpatienten hinter den dünnen Vorhängen. An weniger heroischen, dunkleren Tagen begleitet mich Darth Rezidivangst zuverlässig zu meinen Kontrollterminen. Im Wartezimmer stimmt er mich auf mögliche Hiobsbotschaften ein und zeigt mit seinen dürren Fingern auf Statistiken zu meiner überschaubaren Lebenserwartung. Erinnert mich daran, dass die vergangene Chemo wahrscheinlich nicht meine letzte bleiben würde.

Deshalb bade ich so gerne in dem Han Solo Gefühl, wenn ich es gerade spüren kann. Wie es die Romanautorin Ildiko von Kürthy in ihrem aktuellen Roman auf den Punkt brachte: „Du kannst Dich nicht zu früh freuen, nur zu spät“. Ich lebe dann nicht jeden Tag, als wäre er mein letzter, sondern träume lieber von einer ereignisreichen Zukunft. Sollte mir in einem halben Jahr ein Rückfall meine Pläne durchkreuzen, war ich immerhin sechs Monate zuversichtlich. Und auch ein Rückfall muss nicht das Ende sein, wie ich von vielen bewundernswerten Heldinnen lernen durfte, die trotz mehrerer Rezidive viele Jahre gut damit leben. Sie haben Statistiken und düsteren Prognosen einfach den Stinkfeiner gezeigt. Ja, es sind Ausnahmen. Aber es gibt sie.

Meine Han Solo Realität ist nicht unbedingt falsch. Sondern einfach nur weniger wahrscheinlich. Und deshalb will nicht wissen, wie meine Chancen stehen. Die nüchterne Antwort könnte mir den Mut rauben, überhaupt an Chancen zu glauben. Viel lieber steige ich ab und zu in den Millennium Falcon des Optimismus, dem zur perfekten Realitätsflucht nur noch der Unwahrscheinlichkeitsdrive fehlt. Fliegt jemand mit?

Der innere Zerrspiegel

Neulich im Krankenhaus hörte ich ihn zum ersten Mal. Den Satz: „Sie müssen zunehmen.“ Mein medizinischer Sachverstand stimmt dem zu. Doch im Inneren war ich sicher, dass jemand anderes gemeint sein muss. Denn mein gefühltes Gewicht ist wesentlich höher.

Mein Leben lang hatte ich mich für meine füllige Figur geschämt. An diesem Grundgefühl änderte sich auch nichts, als ich durch die Krebsbehandlung einige Kilo verlor. Übergewicht liegt in meiner Familie. Seit der Grundschule zwang meine Mutter meiner Schwester und mir alle möglichen Diäten auf. Ich kann mich noch daran erinnern, wie verzweifelt hungrig ich als Kind gewesen war. Wenn mal wieder Grapefruit-Diät oder andere Formen der Mangelernährung auf dem Speiseplan standen, gab ich mein durch Nachhilfe verdientes Geld für Essen aus, das ich heimlich mit großen Schuldgefühlen aß. 

Am schlimmsten war die mütterliche „Erfolgskontrolle“ der Hungerkuren, das Wiegen. Wenn ich zugenommen hatte, was bei Kindern im Wachstum nunmal üblich ist, prügelte mich meine Mutter mit dem Gürtel auf den nackten Bauch. Als würden die Schläge das Fett schmelzen können. Als ich größer wurde, wurde ich zu schnell für ihre Misshandlungen. Doch die Scheu, mich nackt zu zeigen oder über mein Gewicht zu sprechen, blieb. Wenn mich ein Mann beim ersten Date nach dem Gewicht fragte, erklärte ich das Treffen zum letzten Date. Wenn sich ein Partner über meine Speckrollen lustig gemacht hatte und wenige Minuten später Sex wollte, warf ich ihn aus dem Raum. Und fühlte mich hässlich. Als Erwachsene wog ich mich oft jahrelang nicht. Wollte die vernichtende Zahl, die mir ohnehin den Tag versauen würde, garnicht erst nicht wissen. Umso schlimmer war es für mich, als ich während der Chemozeit jede Woche vor Zeugen auf die Waage steigen musste. Wenn die Krankenschwester die Zahl durch den Raum rief, spürte ich immer noch die Hiebe auf meinem Bauch. Obwohl ich durch die Giftinfusionen langsam aber stetig leichter wurde.

Dabei hatte sich mein Verstand längst vom Gewichtsterror distanziert. Direkt nachdem ich aus dem Elternhaus ausgezogen war, hatte ich Diäten endgültig aus meinem Leben verbannt. Ich aß regelmäßig und mich satt. Hungern und Kalorienzählen waren viel zu eng mit meinem Kindheitstrauma verknüpft. Mit meiner Nestflucht gehörten auch meine Bulimiephasen aus dem Teenageralter der Vergangenheit an. Dennoch befällt mich immer noch ein Unbehagen, wenn mir Freunde und Bekannten von ihren Abnehmerfolgen berichteten oder eben mal schnell ein paar Wochen fasteten und prahlten, wie gesund das sei. Innerlich verachtete ich mich, weil ich die Disziplin für Diäten nicht besaß und mich stattdessen für meine Pfunde bemitleidete.

Hochkalorische Lebensmittel gönne ich mir äußerst selten und bisher mit Gewissensbissen. Süßigkeiten und Kekse sind nur für die Schlanke, Dir steht so etwas Leckeres nicht zu, tadelt mich jedesmal eine innere Stimme, wenn ich doch zugegriffen hatte. Nun soll ich auf einmal zugreifen. „Es ist wichtig, dass Sie nach der Operation viel essen, wir fangen mit Astronautenkost an“, bekam ich zu hören, als die Narkosemittel noch in meinem Hirn herum waberten. Das war auch gut so, denn Krankenhausschonkost hat mit Nahrung wenig gemein und verhindert wirksam, dass sich Patienten von OPs erholen. Die Drinks, die mir die corona-gelangweilten Pflegekräften zahlreich und eifrig ans Bett brachten, schmeckten ähnlich wie flüssiges Eis. Verboten gut.

Liebevoll zum Essen aufgefordert zu werden, darum hatte ich früher die hübschen schlanken Kinder beneidet. Hatte hungrig auf deren Pausenbrote gestarrt, die ich nie haben durfte.„Bist eh zu fett, hör auf zu Essen und geh die Küche putzen“, war die elterliche Antwort auf meinen leeren Magen. In der Schule wurden meine dünnen Mitschüler bevorzugt. Wenn diese zarten Wesen mich „fette Brillenschlange“ wegen meines Aussehens zu mehreren verprügelt oder auf der Toilette eingesperrt hatten, blieben sie von Ärger verschont. Heute weiß ich: Mit diesem Schicksal war ich nicht allein. Gewichtsdiskriminierung ist über alle Alters- und sozialen Schichten weit verbreitet. Im Berufsleben wandeln sich die Prügeleien einfach in Mobbing um. Statt auf der Toilette eingesperrt zu werden, reden Chefs die Leistungen ihrer gewichtigeren Mitarbeiter häufig klein und bevorzugen bei Beförderungen die Schlanken.

Noch heute denke ich, wenn ich zum ersten Mal einen Raum mit fremden Menschen betrete, dass diese mich wegen meines Gewichts anstarren. Auch wenn mein Verstand weiß, dass Leute nunmal starren, besonders wenn jemand Fremdes zur Tür reinkommt. Bin ich überempfindlich bei dem Thema? Ja, sicher! Doch ich verlange auch dringend mehr Respekt und Rücksichtnahme jedem Menschen gegenüber, egal wieviel oder wenig er wiegt. Nicht jeder fühlt sich wohl in seiner Haut. Unsere genetische Ausstattung ist sehr unterschiedlich. Viele Menschen, die von Natur aus schlank sind und jeden Abend zwei Tafeln Schokolade verputzen können, ohne zuzunehmen, dürfen sich freuen. Aber es ist unfair, wenn diese auf Menschen herab zu sehen, die einen trägeren Stoffwechsel haben. Und ja, meine Kindheit ist schon lange her und ich hätte sie längst überwinden können. Dennoch wird Übergewicht von der Gesellschaft unnötiger- und fälschlicherweise mit „Schuld“ verknüpft. Nur Schlank gilt als attraktiv und als Zeichen beruflichen Erfolges. Und das macht das Überwinden schwer. Wenn wir als Gesellschaft dieses Paradigma lösen könnten, gäbe es signifikant weniger Essstörungen. 

Wir haben auch keine dickere Haut als andere, um über unreflektierten Lästereien zu stehen: Im Gegenteil. Und ja ich sage „wir“, denn im Inneren werde ich immer dick bleiben. Auch in meinem jetzigen Zustand, der einfach nur krank aussieht. Zum Glück bin ich anderer veranlagt. Meine „gewichtigen“ Gene werden mir helfen, schnell zuzunehmen. Ich brauche jetzt Kraft. Und endlich weiß ich das „Kräftigsein“ als Vorteil zu sehen. Denn ohne meine Polster hätten mich die zahlreichen Operationen und die Chemotherapie noch mehr geschwächt. Vielleicht entzerrt sich auch irgendwann mein innerer Spiegel. Vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall sind mein Körper und ich näher zusammen gerückt. Diesen Frieden wünsche ich allen, die noch mit ihrem Körper kämpfen. 

Liebesbrief an mein Medikament

Dich, meine hart erkämpfte Pille nehme ich heute. Und morgen. Und und und …. Zwei Stück von Deiner Sorte liebes Olaparib, jeden Tag. Dass Du ein ganz besonderes Medikament bist, zeigst Du mir eine halbe Stunde nach dem Einnehmen deutlich. Du fängst an mit Bauchkrämpfen, die sich in Übelkeit steigern, wenn ich nicht rechtzeitig etwas dagegen unternehme. Auf dem Höhepunkt legst Du mich mit bleierner Erschöpfung flach, den Abgang garnierst Du mit kleinen Schwindelattacken.

Warum gehe ich so eine ungesunde Beziehung mit Dir, Du sogenannter PARP-Hemmer, ein? Nicht nur weil wir gemeinsame Geschichte haben. Aber die haben wir. Nachdem ich extra wegen Dir in die kleine Großstadt mit geometrisch rasierten Gärten und zugeknöpften Menschen in blitzsauberen Steppwesten gezogen bin, mit dem Apotheker meines Vertrauens diverse coronale Lieferengpässe umschifft hatte, hielt ich Dich endlich in den Händen. 

Doch unsere zarte Bande währte nur kurz. Denn mein Onkologe, der uns zuerst zusammenbrachte, verweigerte plötzlich die Folgeverordnung. Meine weißen Blutkörperchen seien zu niedrig, was er zuvor gewusst und als unproblematisch bezeichnet hatte. Weshalb er dennoch seine Meinung änderte, begründete er nicht wirklich: „Wer weiß, ob Sie mit diesem neumodischen Zeugs länger gelebt hätten“, brummelte er genervt in den Hörer, als redete er mit einer Leiche, die zu viele Fragen gestellt hatte. Dabei hattest Du „neumodisches Zeugs“ es bereits in die Leitlinie geschafft. Der Wissensstand bei Onkologen ist sehr heterogen. Ich schlug ihm vor, Dich auf mein eigenes Risiko einzunehmen. Doch die gedanklichen Freiheitsgrade des Doktors waren ähnlich beschränkt, wie die Wuchsmöglichkeiten der Pflanzen, die in den Gärten der Steppwestenträger ihr gestutztes Dasein neben frisch polierten Gartenzwergen fristeten. „Sie können mir auch unterschreiben, sich ein Messer in den Bauch zu rammen“, knurrte er und legte auf. 

Geschockt starrte ich Deine verheißungsvolle Packung an. Es fühlte sich an, als wollte mir der empathiebefreite Arzt Lebenserwartung klauen. Denn Du hast in Studien gezeigt, dass Du „Mutanten“ wie mir ein um 70 Prozent verbessertes sogenanntes progressionsfreies Überleben verschaffen kannst. Das bedeutet, höhere Chancen, Ruhe von dem Mistviech Eierstockkrebs zu haben. Zumindest, so lange frau das Präparat nimmt. Das gestatten die Krankenkassen in der ersten Kampfrunde, also vor dem ersten Rückfall, allerdings nur zwei Jahre. Dann kann der Krebs schnell wiederkommen. Aber diese zwei Jahre mit Dir möchte ich haben, sie sind der wahre Grund, weshalb ich Deine Launen in Form von Nebenwirkungen ertrage. 

Also musste eine Zweitmeinung und am Besten gleich ein neuer Onkologe her. Und das zu Coronazeiten, in denen teilweise lebensrettende Tumoroperationen abgesagt und Krebsbehandlungen unterbrochen werden. Ein paar Stunden Warteschleifen später geschah das Unfassbare. Ich bekam einen Termin – nur 10 Tage später. Meine beste Freundin begleitete mich durch die corona-geleerte Millionenstadt. Meine Nerven lagen blank, der ständige Überlebenskampf und die Bittstellerei für Selbstverständlichkeiten hatten mich zermürbt. Was bedeuten schon Behandlungsleitlinien, wenn Ärzte willkürlich und gegen den Patientenwillen entscheiden dürfen? 

Ich wurde positiv überrascht. Hinter diversen Sicherheitskontrollen wartete ein kompetentes Gegenüber. Wir einigten uns auf die halbe Dosis mit Option zur Steigerung. Mit letzter Kraft verließ ich die Klinik, in der Hand das ersehnte Rezept. Zuhause angekommen nahm ich die erste Dosis von Dir ein. Am folgenden Tag mussten wir unsere on-off Beziehung erneut unterbrechen, aber diesmal aus einem erfreulichen Grund: Die Spezialklinik, in der die Operation meines Eingeweidebruchs geplant war, hatte ihre Corona-Zwangspause beendet und begann wieder, den Betrieb aufzunehmen. Das Loch in meinem Bauch war inzwischen riesig geworden. Die Operation war entsprechend lang und blutig. Länger hätte ich nicht warten dürfen. 

Zwei Wochen später wagten wir Beide einen Neuanfang. Dein Bauchgrimmen mischt sich harmonisch mit dem Wundschmerz. Die Energie reicht nur für das Allernötigste. Klare Gedanken zu fassen, fällt schwer. Die Übelkeit ist nur mit pflanzlichen Gegenmaßnahmen zu ertragen. Doch ich hoffe, dass wir uns aneinander gewöhnen werden. Und dass meine Blutwerte mitspielen. Liebes Olaparib, ich habe meinen Job gemacht. Jetzt bist Du dran!

Seit Olaparib und ich wieder zusammen sind, habe ich liegen lernen müssen.

Danke Corona: Diese 10 Stressfaktoren entfallen

Juhu, das heimliche Ostereierkaufen ist geschafft und die Beute sicher verstaut. Die gestrige Expedition zum Supermarkt hat sich fast wie ein Stück Normalität angefühlt. Ok, abgesehen von dem langen Anstehen, der geringen Auswahl und der leichten Atemnot unter der Maske. Ich will es auch garnicht schön reden – dieses Ostern werden wir Vieles und vor allem viele liebe Menschen vermissen. Dazu die unterschwellige Angst und Planungsunsicherheit sind Stress pur. Doch es gibt auch klassische Stressfaktoren zu Ostern, die in diesem Jahr wegfallen.

  1. Kein Streit ums Tanzverbot: Zumindest meine Timeline war frei von Empörungen über oder gegen das Tanzverbot. Diese Karfreitagsdebatte darf in diesem Jahr mit getrost ausfallen, damit mehr Raum für anderen Ärger bleibt.
  2. Keine Qual der Wahl beim Ostermenü: Die Frage „Was soll ich nur für all die Leute kochen“ beantwortet sich in diesem Jahr von selbst: Es kommen für meine Lieben die traurigen Reste auf den Teller, die ich in den halbleeren Regalen noch gefunden habe. Zum Ausgleich schwärmen wir den ausgeladenen Besuchern von den kunstvollen Menüs vor, die wir gerne gegessen hätten.
  3. Kein sozialer Druck wegen der Fastenzeit: Habt ihr im Februar breit herumerzählt, welchen Annehmlichkeiten Ihr in der Fastenzeit entsagen wolltet und dann doch, wie die meisten Warmblütler auch, leckeres Corona-Frustessen genossen? Erleichterung, davon muss niemand erfahren. Und Kopf hoch: Im kommenden 3021 klappt`s bestimmt mit Eurer Askese!
  4. Staustress entfällt: Machen wir einen Kurztrip zu Ostern oder besuchen wir Tante Berta? Aus diesem Dilemma befreit uns die Pandemie. Und verbessert gleichzeitig unseren ökologischen Fußabdruck. Bei so viel gutem Gewissen könnten wir doch glatt eine Flugreise für den Sommer buchen … ups, Danke St. Corona, auch vor dieser Versuchung bewahrst Du uns 🙂
  5. Keine Geruchsbelästigung durch Osterfeuer: Die einen lieben sie, die anderen hassen sie. Doch beide Seiten wissen: Traditionelle Osterfeuer hinterlassen einen hartnäckigen Rauchgeruch in ihrer direkten Umgebung. 
  6. Vitamin-D-Mangel ade: Irgendwann zieht das strahlende Trostwetter auch den überzeugtesten Stubenhocker nach draußen. Und gegen die soziale Isolation sind Spazierdates ein gesundes Gegenmittel.
  7. Planungsstress fällt aus: Sollte sich das Wetter über Ostern unerwartet eintrüben, fallen deswegen keine liebevoll geplanten Gruppenwanderungen etc. ins Wasser. Wir dürften uns ohne schlechtes Gewissen einem Serienmarathon hingeben. Inzwischen langweilig geworden? Unsere Freunde und Verwandte werden es bald zu schätzen wissen, wie sehr wir ihre Gesellschaft schätzen.
  8. Bye bye Stylingsorgen: Was ziehe ich heute an und wie sehen meine Haare denn aus? Kleiner Trost: Das geht uns allen so. Wir werden nach der Krise mit deutlich längeren Haaren, echten used-look-Klamotten und unseren eigenen Fingernägeln aus unseren ungewohnt aufgeräumten und sauberen Wohnungen strömen.
  9. Keine überteuerten Restaurantrechnungen: Geld ausgeben war noch nie so schwierig, wie heute. Geld verdienen ebenso. Den nicht vorhandenen Überschuss kann ich wenigstens nicht damit verplempern, mir in netter Gesellschaft mit einem richtig gutem Essen im Lokal was Gutes zu tun.
  10. Keine Gewissensbisse wegen des Gottesdienstbesuchs: Endlich keine Schuldgefühle mehr, weil wir zu Ostern nicht zum Gottesdienst gehen oder weil wir dies NUR zu Ostern oder Pessach tun. Jeder kann seinen Gottesdienst seiner jeweiligen Religionsrichtung online verfolgen  – oder einfach so tun, als ob.

Spaß beiseite Ihr Lieben, achtet aufeinander! Nicht jeder kann mit Spazierdates oder online-Meetings die Einsamkeit bekämpfen. Das Virus verschlimmert erheblich die soziale Isolation älterer oder kranker Menschen. Gerade zu den Feiertagen. Ruft Eure älteren Verwandten mal an – ich weiß, bin ja selbst der größte Telefonmuffel.

Ups, es klingelt  – ja, genau, ich bin …. älter 🙂

frohe Ostern

Eure Onkomieze

Panik erwünscht?

Außerhalb meiner Wohnungstür beginnt sie, die Gefahrenzone. Seit dieses Killervirus grassiert, verlasse ich äußerst selten das Haus. Obwohl die Straßen nahezu leer gefegt sind. Richtig so, dass der Staat durchgegriffen hat. In meiner miefigen Bude, von frisch gehamsterten Konserven ernährt, fühle ich mich sicher. Noch sicherer würde ich mich mit einer Ausgangssperre fühlen. Mit Lebensmittelversorgung per Drohne und einer fleißig patrouillierenden Bundeswehr vor meiner Haustür. Aber dafür hatten die da oben wohl nicht die Eier in der Hose. 

Deshalb muss ich leider doch zum Einkaufen. Mein Klopapier- und Nudelberg wächst nicht exponentiell genug. Auf zum präapokalyptischen Nahkampf. Vor einigen Wochen hatten wir in dem Supermarkt ja noch unbeschwert den Corona-Abstands-Tanz getanzt. Seit ein paar Tagen ist für mich Schluss mit lustig. Inzwischen habe ich genug Schreckensbilder aus Italien gesehen und weiß jetzt genau Bescheid: Jeder Mitkunde, jede Supermarktangestellte sind potenziell tödliche Feinde. Und ich kann es kaum erwarten, mich in Kürze mit Spahns neuer Orwell-App noch sicherer vor infizierten Feinden zu fühlen. Das mit dem Datenschutz brauchen wir doch nicht. Ich will schon wissen, wen ich denunzieren soll. 

Also neeee, einen Mundschutz trage ich nicht, so weit kommt`s noch. Ich bin doch nicht paranoid! Wenn ich Passanten anschnauze, wird ihnen meine feuchte Aussprache schon eine Warnung sein. In dieser nervenzerreibenden Krise kann ich mich nicht auch noch um den Schutz meiner Mitmenschen kümmern. Dafür sind andere zuständig, so wie dieser Söder aus Bayern. Der prescht mit Maßnahmen vor, ohne Zeit mit unnötigen Abstimmungen zu verschwenden. Der hat das Potenzial für einen… F….*ck!

Leute, erkennt ihr Euch etwa wieder, abzüglich von meinen literarischen Übertreibungen? Wohin treibt die nackte Angst unseren demokratischer Staat eigentlich noch? Ich bin erstaunt, wie wenig Protest auf die massiven Freiheitsbeschränkungen folgten. Was ist aus unserer Empörungskultur geworden, die jeden Gesetzentwurf auseinander nimmt und jedes Politikerstatement in der Luft zerreißt? In sozialen Netzwerken fordern die meisten Nutzer sogar eine Verschärfung der Einschränkungen. Panik scheint die sozial erwünschte Reaktion zu sein.

Shut-Down, Handyüberwachung, Kontaktverbot, Reisebeschränkungen – diese massiven Freiheitsbeschränkungen gehören seit Mitte März zu unserem Alltag. Dass die Maßnahmen holzschnittartig sind, da sie aus einer Not heraus entwickelt wurden, leuchtet mir zwar ein. Was mir jedoch fehlt, ist ein klares Signal für deren Begrenzung und ein regelmäßiger Faktenabgleich. Allein die Handyüberwachung ist ein dramatischer Einschnitt. Auch wenn zunächst nur Bewegungsströme erfasst werden sollen. Die technischen Möglichkeiten zur Individualortung sind vorhanden. Wo ist die Garantie, dass diese Überwachung endet, sobald beispielsweise die Infektionszahlen um X % sinken? Jens Spahns Corona-App setzt noch einen drauf. 1984 auf dem Smartphone. Außerdem könnte diese App die Panik in der Bevölkerung mehr steigern, als sie Sicherheit gibt. 

Massive Einschnitte in die Demokratie sollten auf Fakten beruhen. Und ja, Italien ging und geht durch die Hölle. Mir fehlen immer noch die Worte. Aber ist die Situation in Norditalien, wo eine starke Luftverschmutzung herrscht und das Risiko für Atemwegserkrankungen hoch ist, wirklich 1 : 1 mit Deutschland zu vergleichen? Die Fallzahlen, die täglich um die Welt gehen, bestehen aus aktiv gemeldet Fällen symptomatischer Personen. Doch wie sieht die Durchseuchung in der Bevölkerung inzwischen aus? Jedes Land hat andere Testmodalitäten, jedes Land zählt seine Corona-Toten auf unterschiedliche Weise. Sollten Einschnitte in unsere Demokratie, die aus einem statistischen Flickenteppich abgeleitet wurden, nicht von Zeit zur Zeit überprüft werden? Das fragt sich nicht nur ein linksgrünversiffte Althippie wie ich, sondern auch kompetente Experten wie etwa Professor Sucharit Bhakdi. Dieser Virologe fordert unter anderem einen Stichprobentest, um die Durchseuchung der Bevölkerung zu ermitteln. Seine Stimme in der Videobotschaft an Bundeskanzlerin Merkel zittert, als er die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen in Frage stellt. Als wäre wissenschaftlich fundierte Kritik inzwischen rechtswidrig geworden.

Sein Bonner Kollege, Professor Hendrik Streek, versucht sich gerade in einem solchen Faktencheck und leitet eine Studie in der Gemeinde Gangelt, die zum Kreis Heinsberg, dem deutschen Corona-Epizentrum, gehört. Seine Erkenntnisse zur Virusausbreitung könnten als Grundlage dafür dienen, wann und wie die Maßnahmen wieder gelockert werden könnten

Und irgendwann sollten dies geschehen, weil wir die Epidemie sonst endlos vor uns her schieben, findet Epidemiologe Martin Eichner aus Tübingen.

In den meisten deutschen Krankenhäusern, die Tausende von Nicht-Corona-Patienten mit Schmerzen weggeschickt haben, deren OPs, deren Nachsorgetermine ersatzlos gestrichen wurden, herrscht immer noch Ruhe vor dem Sturm. Das tatsächliche Ausmaß der Infizierten-Welle sollte ausschlaggebend dafür sein, wie lange andere Patienten unbehandelt bleiben müssen. Denn viele vergessen: Es gibt auch noch andere lebensbedrohliche Erkrankungen. Und es besteht die Gefahr, dass sich Patienten mit akuten Verletzungen oder mit Herzinfarktsymptomen nicht mehr in die Notaufnahmen trauen und zuhause sterben.

Abgesehen von diesen akuten Gesundheitsgefahren sind auch die psychosozialen Folgen des Kontaktverbotes, insbesondere für Ältere und Kranke auf Dauer verheerend. Genau diese Risikogruppen, die Annegret-Kramp-Karrenbauer, auf welche Weise auch immer, isolieren will, was deren Vereinsamung weiter verstärken würde.

Ich will das Virus nicht verharmlosen. Über dessen Gefahrenpotenzial wurde bereits genug geschrieben. Doch ich finde das Virus „Angst“, das im Windschatten von Corona unsere Demokratie befällt, ebenfalls gefährlich. Ich hoffe für unsere Gesellschaft, dass wir zu Ostern einen rationalen Exit-Plan bekommen. Und dass wir Kritik auch in Zukunft angstfrei äußern dürfen. Und uns in der Krise nicht nur als wandelnde Infektionsquellen betrachten, sondern als Menschen. Ein Lächeln und freundliche Worte lassen sich auch über den geforderten Sicherheitsabstand austauschen.

Bleibt nett zueinander,

Eure Onkomieze

Das C-Wort: Verdrängung zwecklos

„Lass uns über was anderes reden“, winken viele in Corona-Zeiten ab. Ich kann`s echt nicht mehr hören, schreib bloß nicht über das C-Wort, wurde ich gebeten. Haben die genervten Stimmen Recht? Sich ständig mit belastenden Tatsachen zu befassen, erzeugt Stress. Und abgesehen von Pflegekräften, Ärzten, Apothekern und Politkern, die derzeit am Limit arbeiten, zwingt die Pandemie die meisten von uns dazu, ein paar Gänge runter zu schalten.Und immer schön positiv bleiben dabei.

Das strahlende Wetter macht es uns vor, sinniere ich aus dem Fenster blickend. Mit ein paar netten Leuten eine Radtour machen, wäre die ideale Ablenkung…. jaja, verstanden. Auch das kühlende Bierchen im Anschluss in der Kneipe geht natürlich gar nicht. Was wohl so im Kino läuft? Dieser Gedanke fühlt sich ja wie verbotene Pornographie an. Umdenken ist angesagt. Aber bitte nicht auf leeren Magen! Erstmal frühstücken. Meinen Lieblingsjoghurt, den der Discounter leider aus seinem reduzierten Corona-Sortiment genommen hat, rationiere ich sorgfältig. Jeden Morgen gibt es einen traurigen Klecks. Beim langsamen Löffeln stelle mir vor, wie professionelle Hamsterkäufer in ihren Kellerlaboren aus den erbeuteten Joghurtbechern Klopapier spinnen. Dazu gibt es bestimmt relevante YouTube-Videos von Diplom-Verschwörungstheoretikern. Kopfkino kann echt widerlich sein.

Mein Handy summt, ich schaue auf das Display, das kurzfristig schwarz wird. Das passiert in den vergangenen Wochen öfters. Kommen die Ausfälle nur davon, dass mein Smartphone mit Obst-Logo inzwischen das biblische Alter von fünf Jahren überschritten hat? Oder sind sie ein Zeichen dafür, dass die Bundesregierung versucht, mich zu orten, ob ich das Kontaktverbot einhalte? Wer überwacht eigentlich die Überwachenden? Dass wirklich nur Bewegungsströme und keine individuellen Daten erfasst werden? Können wir uns darauf verlassen, dass die Überwachungen und Beschränkungen zum angemessenen Zeitpunkt auch wieder abgestellt werden? Diese Fragen lassen mein demokratisches Herz nachts bis zum Halse schlagen.

Das Smartphone des Nachbarn hingegen scheint tadellos zu funktionieren. Die lautstarken Telefonkonferenzen, die er vom Balkon-Home-Office leitet, sollen bei seinen Mitarbeitern wohl die Illusion von Normalität aufrecht erhalten. Die besprochenen Projektziele dürften angesichts der systematischen Planungsunsicherheit überwiegend hypothetischer Natur sein. Vielleicht sind die Telefonsitzungen auch eine preiswerte Alternative zur Gruppentherapie. Denn für diese Zeit sind die Konferenzteilnehmer abgelenkt. Kleiner Tipp für diejenigen, die gerade keinem Unternehmen zugehörig sind: Videospiele haben einen ähnlichen Effekt.  

Meine Katze schnurrt zustimmend und spielt mit meinen tippenden Fingern, damit ich nicht vergesse, wer in dieser Wohnung das Sagen hat. Können Katzen eigentlich das Virus übertragen? Spielen wir mit etwa Corona-Ping-pong? Piiiep schon wieder das C-Wort, sorry! Aber Katzen bahnen nunmal den direkten Weg zu meinem Unterbewusstsein. Das gerade mit geplatzten Lebensträumen beschäftigt ist, die mit dem Corona-Bad ausgeschüttet wurden. Neben gecancelten Operationen und Behandlungen scheint nun mein lebenserhaltendes Krebsmedikament, um dessen Verschreibung ich so hart gekämpft hatte, wegen der Coronakrise auf unbestimmte Zeit nicht lieferbar zu sein. Werde ich noch den Sommer erleben und meinen Wieder-Geburtstag, ein Jahr nach Diagnosenstellung, feiern zu dürfen? Mit dem Medikament würden ja noch einige solcher Feste, bei denen dem Schalentier der Stinkfinger gezeigt wird, auf mich warten.

Immer schön positiv bleiben? Stopp! Es reicht mit der Verdrängung! Ja, wir dürfen Angst vor dem Virus und seinen Konsequenzen haben. Ich finde, wir sollten es sogar. Damit wir uns und andere angemessen schützen. Zwar entlastet es die geplagten Nerven, die Krise ab und an zu verdrängen. Auf Dauer steigt jedoch der Druck der mühevoll verbannten Angst. Bis sie so groß wird, dass sie uns irgendwann paralysiert.

Der Perfektionismus, dass schnellstmöglichst alles wieder normal werden muss, hindert uns daran, gedanklich elastisch zu bleiben. Normalität ist täglich eine andere. Auch dann, wenn die Fallzahlen eines unbekannten Tages wieder sinken. Wie unser Leben dann aussehen wird? Darüber würde ich am Liebsten bei einem gemütlichen Plausch mit meiner besten Freundin philosophieren. Und das werde ich. Vielleicht bekomme ich das Medikament ja doch noch, bevor es zu spät ist. Mein Apotheker telefoniert sich in dem Moment die Ohren taub. Drückt mir gerne die Daumen! Wenn nicht, werde ich aus noch weniger Lebenszeit das Beste rausholen. Seit ich mir die Angst eingestehe und weniger Kraft auf die Verdrängung verschwende, finde ich nach einigen Tränen immer wieder zur Zuversicht zurück. Und habe auch wieder Raum für andere Gedanken. Denn Hoffnung, Liebe und Freundschaft lassen sich nicht absagen oder verschieben. Das haben die Schalentiere bis jetzt nicht geschafft, dann braucht so ein dreckiges Virus garnicht erst angeschissen zu kommen. 

Und wie lauten Eure Corona-Geschichten?

von dieser Flauschkugel lasse ich mich gerne überwachen 🙂

Ihr seid nicht alleine!

Eure Onkomieze

Corona & Krebs: Vorsicht statt Fatalismus

Eines ist sicher. Nichts bleibt wie zuvor. Mit Planungsunsicherheit kennen wir Onkoheldinnen und -helden uns bereits aus. Und wer bereits eine Chemo- oder Strahlentherapie hinter sich hat, ist beim Hygiene-ABC topfit. Doch die Corona-Pandemie ist auch für uns eine unvergleichbare Dimension. Patienten und Ärzte sind verunsichert. Ist jeder Krebspatent automatisch ein Risikopatient und sollte zuhause bleiben? Sollen Behandlungen lieber verschoben oder gar abgebrochen werden? Für wie lange?

Da wir diese Pandemie mit genau dieser Virusvariante zum ersten Mal erleben, gibt es auf diese Fragen noch keine wissenschaftlich fundierten Antworten. Die jüngst getroffenen Entscheidungen und Beschränkungen sind politischer Natur. Und vermutlich größtenteils richtig. Der Impuls, rasch auf die unbekannte Bedrohung zu reagieren, ist auch in der Onkologie groß. Wie es Notsituationen nunmal mit sich bringen, fehlt es hierbei manchmal an Augenmaß. 

Dass verschiebbare Operationen abgesagt wurden, um Intensivbetten frei zu halten, ist logisch. Deshalb ist es in Ordnung für mich, auf unbestimmte Zeit mit einem offenen Bauch und den damit verbundenen Schmerzen leben zu müssen. Auch Nachsorgetermine, bei deren Verschiebung kein gesundheitlicher Nachteil entsteht, können warten. Eine laufende Krebsbehandlung kann das in den meisten Fällen jedoch nicht. Als die Onkoambulanz, in der ich meine Chemotherapie vor einigen Tagen abgeschlossen hatte, mir meine Weiterbehandlung versagen wollte, fühlte ich mich wie ein Kind, das mit dem Corona-Bad ausgeschüttet wurde.

Konkret geht es um eine sogenannte Erhaltungstherapie in Tablettenform, die Rückfälle nach der Chemotherapie verzögern können. Ein einfaches Rezept, ein bedrucktes Stück Papier, das weder ein Intensivbett beansprucht noch beatmet werden muss. Für die unterlassene Hilfeleistung hatte das international anerkannte Tumorzentrum keinen medizinischen Grund. Mein Fehler war es offenbar, die Ambulanz vor ein paar Wochen darüber zu informieren, dass ich nach der, inzwischen gecancelten, Operation zu meinem Lebenspartner ziehen und in Zukunft das Behandlungszentrum wechseln wollte. 

Hätte ich etwa lügen sollen? Da Ausgangssperren drohten und drohen, war keine Zeit mehr für Schuldzuweisungen oder rechtliche Schritte. Beginne ich zu spät mit dieser sogenannten Erhaltungstherapie, verkürzt sich meine Lebenserwartung drastisch. Deshalb hatte ich den Umzug spontan vorgezogen. Mit meinem unoperierten 22 x10 cm großem Loch im Bauch war dieser coronabedingter Notumzug ein großer Kraftakt, den ich gerade wegen der grassierenden Seuche gerne vermieden hätte. Doch in meiner neuen Heimat gibt es ein onkologisches Zentrum, das bereit ist, mir zu helfen. Nun müssen die lebensrettenden Tabletten „nur“ noch verfügbar sein.

So viel Pech auf einmal kann nicht wahr sein, werdet Ihr sagen. Und ja, beim „Murphy-Highscore“ liege ich weit oben. Aber ich vermute, dass viele Onkoheldinnen und -helden sowie ihre Onkologen vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Bevor wegen Corona lebensnotwendige Therapien an den Nagel gehängt werden: Laut dem Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums steht „bei den meisten, akut an Krebs erkrankten Patienten der Nutzen einer wissenschaftlich fundierten Krebstherapie über dem Risiko einer möglichen Infektion mit dem Coronavirus.“. 

Bedeutet: Wir Onkoheldinnen und -helden kämpfen gegen ein noch viel größeres Monster, das trotz Corona kein Land gewinnen darf.

Unter Experten ist es übrigens umstritten, dass jeder Krebspatient zur Corona-Hochrisikogruppe gehört. Grundsätzlich hat das Robert-Kochinstitut Recht: Wir Onkoheldinnen und -helden sind gefährdet, bei einer Ansteckung einen schweren Verlauf der COVID-19-Erkrankung zu erleiden. Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) differenziert das Ausmaß dieser Gefahr. So sind Patienten mit Blutkrebs oder Lymphomen besonders gefährdet. Auch Patienten unter laufender Chemo-, Strahlen- oder sonstigen immunsuppressiven Therapien sind anfälliger als Personen, deren Behandlung seit Jahren abgeschlossen ist. Liegt die Behandlung länger zurück, kommt es, ähnlich wie bei Nicht-Krebspatienten, vor allem auf weitere Risikofaktoren an wie beispielsweise höheres Lebensalter oder vorhandene Atemwegserkrankungen.

Unter laufender Therapie hängt das Risiko von der tatsächlichen Abwehrsituation ab, etwa ob die Zahl der weißen Blutkörperchen oder der Immunglobuline stark reduziert ist. Bereits vor Corona-Zeiten wurde Chemopatienten mit geschwächtem Immunsystem geraten, Menschenansammlungen und öffentliche Verkehrsmittel zu meiden. Gründliches Händewaschen, Abstand halten und die Einschränkung von Sozialkontakten war und ist für diese fragile Personengruppe schon immer Pflicht gewesen. 

Es geht nicht darum, das Corona-Risiko zu verharmlosen. Sondern auf eine wohlüberlebte Abwägung. Auch meine Erhaltungstherapie wird das Immunsystem beeinträchtigen. In meinem Fall schlägt der therapeutische Nutzen klar das Corona-Risiko. Und ich halte mich streng an die Infektions-Vorgaben. Tut Ihr das bitte auch. Aus Solidarität und Selbstschutz. Dafür überwinde ich sogar schrittweise meine Telefonphobie, weil ich meine Freunde nicht mehr sehen kann. Un der mich kennt weiß, dass das eine große Wesensveränderung ist :-). Welche wohl noch kommen werden?

Gebt Euch nicht auf. Und liebe Onkologen: Vergesst uns trotz Corona nicht! 

viel Kraft in diesen unsicheren Zeiten,

Eure Onkomieze

Leben mit dem Tod auf der Schulter

Dieser Beitrag ist Teil der Blog-Challenge „Wo spaziert der Tod durch Euer Bild?“ von Annegret und Petra. Vielen Dank, dass ich dabei sein darf!

Wir alle wissen, dass wir sterben müssen. Zumindest in der Theorie. Die meiste Zeit werden Gedanken an den Tod von einem Stoppschild blockiert, das schützend vor unserer Gefühlswelt steht. Und glücklicherweise sind wir in unserer Lebenszeit viel zu beschäftigt mit Karriereplänen, Business-Projekten, Fitnesstrends oder dem wirklich allerneuesten Aufreger auf Twitter. Als liesse sich die Endlichkeit des Lebens durch gute Organisation, die richtige Ernährung oder beruflichen Status aufheben.

Bis vor ein paar Monaten hetzte ich genauso durch meine Lebensstunden als flössen diese in unendlicher Zahl. Hatte meine Effizienz bei minimaler Freizeit maximiert. An den Sinn von Leben und Tod keine Gedanken verschwendet, denn dieses Rätsel würde ich ohnehin nicht lösen können.

Ohne Vorwarnung spürte ich seine Krallen auf meiner Schulter. „Krah krah kraaaah“, sagte der Rabe, was sich auch mit „metastasiertem Ovarialkarzinom“ übersetzen lässt. Nach dem ersten Schock gab es für meinen wohltrainierten Aktionismus genug zu tun. Als wäre mein Krebs ein Projekt, bei dem ich bloß keine Deadline verpassen darf: Hilfen beantragen, medizinische Leitlinien studieren, letzte Dinge regeln und das möglichst zügig, denn sonst… Ja was sonst? Mach dich mal locker, ich hole Dich so oder so, krächzte der Rabe. 

Fatalismus ist so überhaupt nicht mein Ding. Doch auf Dauer ist das Picken des Vogels unerträglich geworden. Besonders dann, wenn wieder eine Mitpatientin verstirbt. Oder wenn Komplikationen in meiner Behandlung auftauchen. Nachts, wenn ich allein im Bett liege, lasse ich immer mal wieder ein Quäntchen Todesangst zu. Wohldosiert, um nicht abzustürzen. Dabei fürchte ich weniger den Sterbeprozess an sich. Wissenschaftlern zufolge sollen Botenstoffe, die das zersetzende Gehirn freisetzt, diesen erträglicher machen. Sondern was mich schaudern lässt, ist, plötzlich für immer vom Leben und meinen Lieben getrennt zu sein. 

Tagsüber fühlt sich meine Prognose an wie schlechte Nachrichten in der Tagesschau. Eine verheerende Tatsache, die sich jedoch weit weg anfühlt. Über meine Erkrankung kann ich mit anderen relativ sachlich sprechen. Über die Todesangst mit niemandem. Zu hoch sind die Tabumauern für diesen dunklen Aspekt des Lebens und zu groß meine Angst, andere zu sehr zu belasten.

Noch bin ich da. Mehr als zuvor. Als hätte mich der Todesvogel mir selbst näher gebracht. Ich spreche unangenehme Dinge früher aus, schäme mich weniger für meine Defizite und stehe mehr zu meinen Wünschen. Brülle meine Wut in den Wald, singe viel und laut und beende einseitig-ermüdende Telefonate. Lerne meine grenzen kennen und übe fleißig das Wörtchen „Nein“. Während es früher bei mir so gut wie keinen Leerlauf gab, nehme ich mir inzwischen gerne und reichlich Zeit für mich alleine. Die meisten Menschen können das problemlos, ohne schwerkrank zu sein. Anscheinend hatte ich großen Nachholbedarf. 

Trotzdem mag ich mich einfach nicht an den hässlichen Vogel auf meiner Schulter gewöhnen. Seit es mir als Kind dämmerte, dass das Leben endlich ist, finde ich den Tod unfassbar grausam. Dagegen helfen weder Zen-Weisheiten, die Bibel oder mir bislang unerklärliche Begegnungen mit frisch Verstorbenen. Sterben sei ein mittelalterliches Konzept, brachte es eine kluge Freundin neulich auf den Punkt. Trotz meines Realismus bin ich noch längst nicht bereit, loszulassen. Vielleicht, weil es noch nicht soweit ist. Denn ich fühle mich deutlich weniger krank, als ich es bin und verspüre noch viel Kraft und Hoffnung. Und am Leben zu hängen ist nunmal lebenswichtig.

Zum Glück weiß ich nicht, wann der Rabe zuschlägt. Damit geht es mir eigentlich wie den Gesunden, die auch eine unbekannte Summe X an Lebenszeit vor sich haben. Und mein „Sümmchen“ möchte ich genauso mit Leben füllen. Ich schmiede Zukunftspläne, träume davon, meine künstlerische Seite noch mehr ausleben zu dürfen und von tollen Reisen. Mit dem Unterschied, dass der Todesvogel mein schützendes Stoppschild und damit viel Unbeschwertheit weggepickt hat. Nur ab und zu gelingt es mir noch, mich in die duftende, blütenweiße Decke der Verdrängung einzukuscheln. Mir ist meine Endlichkeit schmerzhaft bewusst. Weshalb ich heute zum ersten Mal seit vielen Jahren meinen Geburtstag mit meinen Lieben feiere, anstatt zu arbeiten. Möge der Rabe noch verdammt lange auf seinem Platz bleiben. Denn jetzt ist es Zeit für meine Zeit. 

Kein Problem, Ihr dürft mir gerne gratulieren 🙂  

Eure Onkomieze

Sterbehilfe: Der rosa Elefant

Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden: Geschäftsmäßige Sterbehilfe ist künftig erlaubt. Denn nach Auffassung der Karlsruher Richter verstößt das bisherige Verbot gemäß § 217 StGB gegen das Persönlichkeitsrecht des Menschen. 

Diese Entscheidung geht einen Schritt weiter als die bisherige Regelung, die allerdings theoretischer Natur war: So hatte 2017 das Bundesverwaltungsgericht entschieden, dass unheilbar Kranken im extremen Einzelfall der Zugang zu tödlichen Betäubungsmittel nicht verwehrt werden darf. 

Die Sterbewilligen hatten ihr Suizid-Medikament bei der Arzneimittelbehörde BfArM beantragen müssen. Doch Gesundheitsminister Jens Spahn hatte die Behörde angewiesen, das Urteil nicht umzusetzen – gegen die Gewaltenteilung. 

Mit dem Karlsruher Urteil soll nicht nur der Zugang zu tödlichen Medikamenten möglich sein, sondern auch, wiederholt beim Suizid zu helfen. Im Gegensatz zu der Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichtes hat das Bundesverfassungsgericht die Sterbehilfe nicht auf unheilbar Kranke und Leidende beschränkt. Sondern jeder darf jedem in jeder Situation beim Selbstmord assistieren. Auf den ersten Blick klingt das folgerichtig. Die Selbstbestimmung des Menschen wird auf sein Sterben ausgeweitet. 

Doch ich erkenne mindestens zwei große Gefahren. Zum einen in dem Begriff „geschäftsmäßige“ Sterbehilfe. Zwar haben damit Ärzte endlich Rechtssicherheit. Aber die Entscheidung macht auch den Weg frei für professionelle Sterbehilfeinstitute wie es sie in der Schweiz gibt. Auf den Websites von Dignitas und Exit prangen szenische Landschaftsbilder. Es wird von Freitodbegleitung, schmerzfreien Einschlafen und einer „großen Reise“ gesprochen. Nur unheilbar Kranke dürfen sich im Nachbarland nach ausführlicher Beratung in Anwesenheit eines „Freitodbegleiters“ töten. Dazu nehmen die Sterbewilligen den Wirkstoff Natrium-Pentobarbital ein, der auch zum Einschläfern von Tieren benutzt wird und chemisch dem Natrium-Thiopental ähnelt, mit dem in den USA Hinrichtungen vollzogen werden. Die Schweizer Organisationen geben an, sich ausschließlich durch Spenden und Mitgliedsbeiträge zu finanzieren. 

Dem deutschen Gesetzgeber kommt bei der Umsetzung des höchstrichterlichen Urteils nun eine große Verantwortung zu. Denn Marktwirtschaft kennt keine Ethik. Was rechtlich möglich ist, wird in Umsatz verwandelt. Meiner Meinung nach muss es klare Regeln für die Selbstmordcenter und deren Bewerbung geben. Auch wenn ich normalerweise kein Freund von umfangreichen Verboten und Bürokratie bin: Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der ich bei meinen onkologischen Nachsorgeterminen bunte Suizidflyer in die Hand gedrückt bekomme oder von Algorithmen im Netz durch Werbespots der Selbstmordcenter belästigt werde. Außerdem sollte sich Deutschland an dem Non-Profit-Ansatz der Schweizer ein Beispiel nehmen. Aus dem Sterben darf kein Profit geschlagen werden. 

Die zweite Bedrohung sehe ich darin, dass auf Schwerkranke indirekt Druck ausgeübt werden könnte, früher zu sterben, als die Krankheit sie ohnehin dazu zwingt. Ich respektiere es in vollem Maße, wenn unheilbar Kranke, die unerträglich leiden, sich mit vollem Bewusstsein, nicht aus dem Affekt und völlig unabhängig von ihren Angehörigen für den Freitod entscheiden. Vielleicht will ich dies in der Terminalphase meiner Krebserkrankung auch tun. Doch nur, wenn es wirklich mein und nur mein wohl überlegter und über längere Zeit bestehender Wunsch wäre und nicht deshalb, weil meine Krankenkasse Kosten sparen möchte, die Klinik das Bett braucht und die Angehörigen ihre Ruhe haben möchten. Natürlich würde mir das keiner ins Gesicht sagen. Aber es genügt, dass diese Option der freiwilligen Selbstentsorgung nun offiziell im Raum steht wie ein rosa Elefant. 

Mit dem Karlsruher Sterbehilfe-Urteil haben wir eine ähnliche Situation wie mit den Pränataltests, die auf mögliche Behinderungen des Ungeborenen hinweisen und deren Kosten inzwischen von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. Nun besteht die Möglichkeit, früh zu wissen, ob das Kind behindert sein wird. Und dann? Wie sollen Eltern mit einem positiven Testergebnis umgehen? Kaum jemand wird sie direkt zur Abtreibung drängen. Aber wenn die Eltern das Kind austragen erwartet sie ein Raunen… „Sie haben es doch gewusst“…. Kranke und Behinderte sind unserer Leistungsgesellschaft ein Dorn im Auge. Denn wir sind weder hip noch produktiv.

Und wer nicht nur schwerkrank ist, sondern auch so sensibel wie ich, dem genügen schon mitleidige Sätze wie „So wie Du wollte ich nicht leben“, um am Selbstwertgefühl zu kratzen. Die Last der Krankheit wiegt bereits jetzt schwer genug. Wie würde es sich in der Terminalphase für mich anfühlen, wenn mich ein junger, hipper Arzt fragt „haben Sie schonmal überlegt, ein Selbstmordcenter aufzusuchen“? Oder dem Getuschel von Bekannten „Also ich hätte mir die letzte Chemo ja nicht mehr gemacht“ zu lauschen?

Hinzu kommt, dass, wie oben bereits erwähnt, die geschäftsmäßige Sterbehilfe nicht auf unheilbar Kranke und Schwerleidende beschränkt sein soll. Die Karlsruher Richter wollten damit eine Wertung der Beweggründe für die Selbsttötung umgehen. Doch sie erweitern meines Erachtens damit die Grenzen, was die Gesellschaft als menschenwürdiges Leben erachten könnte. Mich schaudert es davor, dass beispielsweise geistig Behinderte mit dieser „Option“ konfrontiert werden. Wir dürfen die Achtung vor dem menschlichen Leben nicht verlieren. Das muss die oberste Priorität des folgenden Gesetzentwurfes sein.

Ich bin überzeugt davon, dass die Karlsruher Richter mit ihrem Urteil nur das Beste wollten und bei ihrer Entscheidung die todkranken klagenden Patienten mit unerträglichem Leidensdruck im Blick hatten. Doch ich bin auch alt genug, um zu erkennen, welche Folgen die zunehmende Gefühlsverrohung unserer Gesellschaft haben könnte. Es wäre besser gewesen, Spahn hätte das Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes unter Erhalt von § 217 nicht blockiert. Nur unheilbar Kranke mit unerträglichen Schmerzen im extremen Einzelfall hätten auf Antrag ihr Suizid-Medikament erhalten. Bei angemessener Wartezeit aber mit gerechtfertigten Hürden. Wenn wir die Achtung vor dem Leben bewahren wollen, darf das Töten nicht zu einfach sein. Auch nicht sich selbst. Ich lebe seit über 20 Jahren mit starken, chronischen Schmerzen. Seit der Krebs dazu gekommen ist, kämpfe ich umso mehr um jedes weitere Jahr, jeden Monat und jeden Tag. Und ich lebe unheimlich gerne. So lange das so ist werde ich jedem, der mir eine Suizidbroschüre reichen möchte, diese freundlich lachend aus der Hand schlagen. 

Einen lebensfrohen Start in die Woche wünscht euch

Eure Onkomieze