Halloween lasse ich dieses Jahr ganz entspannt auf mich zukommen. Denn ich mache eine Chemotherapie und halte mich derzeit in einer ländlichen Gegend auf. Wenn ich mal wie ein verhasster C-Promi angestarrt werden möchte, brauche ich lediglich mit Beanie statt Perücke durch den Ort zu tigern. Da ich bis vor kurzem in einer anonymen und wuseligen Großstadt gewohnt habe, war mir ein derartiger Mangel an Toleranz fremd. So hatte ich mir neulich auch nichts dabei gedacht, mit unverhülltem Kahlkopf und OP-Narbe ins Schwimmbad zu gehen. Stolz, es trotz meines nervenden Fatigues ins Hallenbad geschafft zu haben, wackelte ich fröhlich in die Dusche. Dort traf ich auf zwei Mütter, die gerade noch energisch ihre Kinder abgeseift hatten, doch bei meinem Anblick anfingen zu kreischen, ihre protestierenden Sprösslinge um ihr Badeerlebnis brachten und nach Hause schleiften. Mein Trostpreis war es, in einem fast leerem Pool zu schwimmen.
Am nächsten Tag hatte ich mir eine Badekappe sowie einen Einteiler gekauft und mich gleich wieder darüber geärgert. So lernen es die Kids ja nie mit der Toleranz. Bei den beiden Müttern schien es ja schon zu spät zu sein. Wie neulich bei einem anderen Vorzeigeexemplar von Erziehungsberechtigten, deren Tochter neben mir im Bus saß und demonstrativ Würgelaute von sich gab, weil meine Perücke versehentlich verrutschte. Als ich das Mädchen freundlich fragte, was denn los sei, fing die Kleine lautstark an zu plärren und wurde von der Helikoptermutter getröstet, die sämtliche Mitreisende gegen mich aufhetzte. Gut, dass Fackeln und Mistgabeln heute in Bussen nicht mehr zugelassen sind.
Also ist Toleranz nur grau-grausame Theorie? Für einige, besonders engstirnige Menschen bestimmt. Doch bei vielen steckt auch eine uralte Angst vor Leuten dahinter, die irgendwie anders sind als sie selbst. Diesen archaischen Gruppenzwang, den Wissenschaftler auch Xenophobie nennen, kultivierten schon unsere Steinzeitvorfahren. Und auch heute beginnt es mit dem sozialen Ausgrenzen schon früh. In der Schule oder im Kindergarten werden Kinder gemobbt, die sich durch ihr Erscheinungsbild von der dominierenden Clique unterscheiden. Das geht im Erwachsenenalter auf mehr oder weniger subtile Art weiter mit Migranten, Kranken, Übergewichtigen, Menschen, deren Meinung vom Mainstream abweicht oder Leuten, die nicht in unsere Leistungsgesellschaft passen oder passen wollen. Bei Krebs kommt noch ein anderer Aspekt dazu: Diese grausame Erkrankung kann jeden treffen, jung oder alt, arm oder reich, Fitness-Junkie oder Couch-Potatoe. Und der Anblick eines Chemopatienten stört dabei, diese Tatsache zu verdrängen.
Liebe Nicht-Betroffene: Ich wünschte, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hätte mit seiner medizinischen Hybris ausnahmsweise mal recht und Krebs wäre tatsächlich in 10 bis 20 Jahren ausgerottet. Oder gesunde Ernährung und Sport könnten mit Sicherheit vor Tumoren schützen.
Mobben und Ausgrenzen schützt allerdings niemandem. Deshalb nochmal für alle: Krebs ist nicht ansteckend! Wir Betroffenen gehören zu der Gesellschaft dazu und haben Gefühle, Ziele, Sehnsüchte, Familie, Interessen, Freunde. Findet es doch heraus. Ich verstehe absolut, wenn ihr reflexartig zweimal hinschaut. Aber sagt doch gerne mal Hallo. Oder versucht es erstmal mit einem Lächeln. Vielleicht hilft das ja, Ängste abzubauen. Zu erfahren, dass wir ganz nette Menschen sind und eine Krebsdiagnose, so erschütternd sie auch ist, kein Kopfschuss bedeutet.
Und uns Onko-Heldinnen und -helden, die nicht nur mit dieser lebensbedrohlichen Erkrankung, sondern auch noch mit den taktlosen Reaktionen der Angsthasen umgehen müssen, wünsche ich noch mehr Mut und Stolz. Unser Körper und unsere Seele leisten tagtäglich Schwerarbeit. Wir sind stark und schön und dürfen uns nicht verstecken! Neulich hat mir mein temporärer Halloween-Look sogar den Tag gerettet: Der Taxifahrer, der mich frühmorgens zur Chemo fuhr, hatte mich mit seinen rassistischen Tiraden unfassbar genervt. Als ich es nicht mehr aushielt, hatte ich mir einfach Perücke vom Kopf gezogen und sein angewidertes Schweigen genossen. Gruseliges Halloween und bis bald,
Eure Onkomieze







